Samstag, 1. November 2014

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15. Februar 2013 18:40 Uhr

Kommentar

Wenn ein Papst zurücktritt

Im Urteil der Geschichte wird Benedikt XVI. zu den großen Theologen und Kirchenlehrern, nicht jedoch zu den großen Päpsten vom Kaliber eines Johannes Paul II. gerechnet werden.

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Und doch hat der aus Bayern stammende Papst am Ende seines achtjährigen Pontifikats Geschichte geschrieben. Denn sein Rücktritt von einem Amt, das seit vielen Jahrhunderten auf Lebenszeit vergeben wird, markiert eine Zäsur. Der alte Mann geht aus freien Stücken und legt die Verantwortung für die größte Religionsgemeinschaft in jüngere Hände. Das laut Kirchenrecht mit „höchster, voller, unmittelbarer Gewalt“ ausgestaltete Amt wird zu einem Amt auf Zeit, das damit auch etwas von seinem Mythos einbüßt. Und wenn Päpste zurücktreten können, dann sind auch Rücktrittsforderungen gegenüber einem Papst bald kein Tabu mehr.

Das ist die eine neue, die kirchenpolitische Dimension dieses Rücktritts, der das Spiel um die Macht in der Kirche verändern wird. Die andere besteht darin, dass ausgerechnet Joseph Ratzinger, der Verächter des Zeitgeistes, mit einer uralten Tradition gebrochen hat. In seiner Entscheidung steckt eine gehörige Prise von jenem Denken der Moderne, derzufolge der aufgeklärte Mensch Herr seiner selbst und niemandem, auch Gott nicht, untertan ist – jener vom Glauben abgefallenen Moderne, die der Denker Ratzinger für die „Schwerhörigkeit gegenüber Gott“ und die „Relativierung“ aller Werte verantwortlich macht. Der Bischof von Rom hat vernünftig und menschlich gehandelt. Vernünftig, weil die doppelte Aufgabe, den Glauben zu verkünden und eine Weltkirche zu führen, den Vollbesitz der körperlichen und geistigen Kräfte erfordert.

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Menschlich, weil das Eingeständnis von Altersschwäche eine berührende Geste ist. Im leise zelebrierten Abgang verleiht Benedikt XVI. dem Amt eine menschliche Note. Sie deutet an, worin die Chance der in verkrusteten Strukturen und überkommenen Denkmustern erstarrten Amtskirche in Zeiten eines immer tiefer gewordenen Grabens zwischen ihr und der westlichen Mehrheitsgesellschaft liegen könnte: in einer zuhörenden, den Menschen zugewandten Kirche, die der Pluralität einer säkularen Gesellschaft Rechnung trägt und sich nicht an starre, weltfremd anmutende Regeln klammert.

Es ist wichtig, dass die Kirche in existenziellen Fragen wie dem Schutz des Lebens ihre warnende Stimme erhebt und keine Kompromisse nach Art der nur von den vorletzten Dingen handelnden Politik schließt. Eine Kirche, die dem Zeitgeist anpasserisch hinterherhechelte und ihre Prinzipien dreingäbe, würde zu einer Institution unter vielen. Aber wenn die in anderen Weltregionen wachsende Kirche auch hierzulande wieder mehr Menschen für ihre Sache und den Glauben gewinnen will, dann bedarf es - wozu Benedikt XVI. weder den Willen noch die Kraft hatte - einer Erneuerung ihres Erscheinungsbildes und ihrer hierarchischen Strukturen sowie einer Abkehr von durch eine überstrenge Sexualmoral geprägten Dogmen.

Eine Aufwertung der Stellung von Frauen und Laien, mehr Spielraum für die Ortskirchen, die Zulassung Wiederverheirateter zur Kommunion, liberalere arbeitsrechtliche Regeln, ein Bekenntnis zur katholischen Vielfalt, mehr offene Debatten – all dies und vieles mehr wäre möglich, ohne die Substanz des christlichen Anliegens zu schmälern. Es machte die Kirche menschlicher und attraktiver und erforderte nur den Abschied von jenem erzkonservativen Kurs, der sich unter dem Patronat Benedikts XVI. eher noch verfestigt hat. Diesen Reformstau aufzulösen, darin besteht die größte Herausforderung für den neuen Papst.

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