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20. Februar 2012 15:29 Uhr

Kommentar

Zurück zur Routine

Die Kür von Joachim Gauck ist weder eine herbe Pleite für die Kanzlerin noch eine Gefahr für den Fortbestand der Koalition. Bald werden CDU,CSU und FDP zurück in zur Routine kommen.

Am Ende zählt allein das Ergebnis. Joachim Gauck ist ein Kandidat, wie die Union ihn sich unter anderen Umständen gebacken hätte: im Kern konservativ, bodenständig, gläubig und von einer fast schon amerikanischen Freiheitsliebe getrieben. Zu einer Partei wie der CDU, die latent um ihre Identität bangt, passt ein solcher Bundespräsident besser als der vergleichsweise moderne Christian Wulff. Und zur CSU sowieso.

Dass sich die Koalition mit der FDP dennoch für einen Moment gefährlich nahe am Rande des Abgrundes bewegte, hat weniger mit der Person Gauck selbst zu tun als mit den Gesetzmäßigkeiten des politischen Betriebes, nach denen sich im Zweifel wie selbstverständlich der Stärkere durchsetzt. Viele Christdemokraten und einige Christsoziale interpretieren das klare Bekenntnis der Liberalen zu Gauck deshalb als strategische Unverfrorenheit. Eine Partei, die in den Umfragen schon an den Rand der Wahrnehmungsschwelle gestürzt ist, maßt sich die Rolle des Präsidentenmachers an und droht dabei auch noch, die Kanzlerin zu brüskieren: undenkbar, eigentlich.

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Tatsächlich hat Angela Merkel schnell erkannt, dass diese Situation auch ihr persönlich mehr nutzt als schadet. Ihre Bereitschaft, über den eigenen Schatten zu springen, Wulffs früheren Gegenkandidaten wenn auch murrend zu akzeptieren und so eine zügige, einvernehmliche Lösung zu ermöglichen, wird sie vermutlich nur noch beliebter machen. Mag sein, dass am Sonntag im entscheidenden Moment der Schwanz mit dem Hund gewedelt hat, dass die FDP hoch gepokert und die Union auf dem kalten Fuß erwischt hat: Eine schwere Niederlage für die Kanzlerin ist die Kür von Joachim Gauck so wenig wie eine Gefahr für den Fortbestand der Koalition. Dazu ist der frühere Bürgerrechtler eine zu gute Wahl.

Sobald sich der erste Donner gelegt hat, werden Konservative und Liberale deshalb notgedrungen zurück in den Routinemodus wechseln. Am nächsten Montag bereits soll der Bundestag über das neue Hilfspaket für Griechenland abstimmen, und natürlich wird Angela Merkel dann auch daran gemessen, ob die berühmte Kanzlermehrheit steht, ob ihre Regierung noch in der Lage ist, ein solches Vorhaben ohne die Hilfe der Opposition umzusetzen. Schon deshalb hat die Kanzlerin kein Interesse daran, dass der Streit mit der FDP eskaliert. Sie braucht sie schließlich noch.

Ob den Liberalen ihr kleiner Coup vom Sonntag etwas nutzt, muss sich erst noch zeigen. Flüchtig betrachtet haben Philipp Rösler und Rainer Brüderle bewiesen, dass die FDP noch nicht zum Wurmfortsatz der Union verkommen und sehr wohl in der Lage ist, in der Koalition noch etwas durchzusetzen. Tatsächlich haben sie sich in ein taktisches Dilemma manövriert, weil die C-Parteien bei künftigen Konflikten nun natürlich auf Kompensation bestehen werden. Dann hätte die FDP zwar Gauck durchgesetzt – aber um den Preis, dafür im politischen Alltag weiter an Einfluss zu verlieren.

Angela Merkel weiß das natürlich. Nüchtern hat die Kanzlerin abgewogen, ob sie den Bruch der Koalition riskieren oder der waidwunden FDP den kleinen Triumph gönnen soll. Eine andere Möglichkeit hatte sie ohnehin nicht mehr: Ein Kandidat von Gaucks Format war im engeren Umfeld der Union nicht aufzutreiben – einer, der Liberale überzeugt, aber auch Sozialdemokraten und Grüne. Einer, der nach den Schlagzeilen der vergangenen Wochen nun für eine neue Kultur der Ernsthaftigkeit steht, lebensklug und heiter zugleich. So gesehen folgt die überraschende Wende im Präsidentenpoker einer gewissen Zwangsläufigkeit. Dass die Liberalen Angela Merkel erst sanft dazu zwingen mussten, mag die Kanzlerin ein wenig schmerzen. Aber sie kann es verschmerzen.

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