Donnerstag, 29. Juni 2017

07. Februar 2007 00:00 Uhr

Als Unrecht als Recht galt...

Eine Lücke ist geschlossen. Auch in Bayern ist nun ein Historiker den Leidenswegen jüdischer Rechtsanwälte im Dritten Reich nachgegangen. Dr. Reinhard Weber ist viele Jahre Referent für Zeitgeschichte am Staatsarchiv München gewesen. In anderen Bundesländern sind vergleichbare Forschungen von deren Rechtsanwaltskammern gefördert worden. Auch in Bayern war das so. Dieses Buch kann aber außerdem das Bayerische Staatsministerium der Justiz als Herausgeber nennen. Alle Achtung, Frau Merk!

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Jüdische Anwälte hat es einst zahlreich gegeben. Die deutschen Juden waren im 19. Jahrhundert nach und nach gleichberechtigte Bürger geworden. Aber, "dass die jüdische Religion für den Justizdienst disqualifizierte, war in den deutschen Bundesstaaten bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts teils geschriebenes, teils ungeschriebenes Gesetz", zitiert Weber. Statt Richter wurden jüdische Juristen so zumeist Rechtsanwälte - und vielfach sehr erfolgreiche.

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933 brachen für diese Anwälte schlimme Zeiten an. In Augsburg wurden umgehend Ludwig Dreifuß, Robert Neumark, Stefan Oberbrunner und Paul Rosenberg verhaftet und einige Wochen in den Katzenstadel geschickt. "Kontakte zur SPD" wurden ihnen vorgeworfen. In München wurde der aus Augsburg stammende Ludwig Regensteiner, Offizier im 1. Weltkrieg und mehrfach ausgezeichnet, im Polizeipräsidium (!) beschimpft und misshandelt. Alfred Strauss aus München wurde am 24. Mai 1933 im KZ Dachau "bei einem Spaziergang" erschossen.

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Zwei Drittel auf der Flucht

Autor Weber vermutet hinter der Verhaftung dieses Anwalts einen Racheakt des bayerischen Justizministers Hans Frank; jenes Nazis also, der später als Generalgouverneur in Polen der rücksichtslose Vollstrecker von Hitlers Rassenpolitik wurde und der am Galgen in Nürnberg endete.

Entrechtungspolitik, Berufsverbot, Drangsalierung der braunen Machthaber bewirkten, dass zwei Drittel der jüdischen Anwälte Bayern verließen. Die meisten suchten in den USA Zuflucht, viele auch in Palästina - wie Alfred Perlmutter aus Ichenhausen. Nur sehr wenige studierten in der neuen Heimat abermals Jura. Manche litten bittere Not. Joseph Schnaier aus Memmingen verdiente sein Brot anfangs als Lagerangestellter und Bürogehilfe. Aber nicht alle verließen das Land. Der angesehene Justizrat Salomon Hänlein aus Eichstätt beging 1935 Selbstmord, Moritz Obermeyer aus Steinhart 1942. Die angesehenen Augsburger Anwälte Eugen Gunz und Arthur Teutsch wurden - wie viele Berufskollegen - deportiert. Stefan Oberbrunner fiel in Frankreich wieder in deutsche Hände und endete im KZ Majdanek. Webers Buch ist deshalb besonders stark, weil es neben den Kapiteln über die Geschichte vor und nach 1933 vor allem Einzelschicksale schildert. 460 Biografien hat er recherchiert - und so nüchtern sie sind: viele gehen unter die Haut! - An einer Stelle seines Buches korrigiert der Autor das Bild des bayerischen Dichters Ludwig Thoma. Im April 1921 schrieb der im Miesbacher Anzeiger über zwei ermordete linke Politiker. "In München haben wir doch mit der Hinrichtung des Eisner (...) den Nachweis geliefert, dass es uns nicht an Temperament fehlt. Die Berliner werden auch anerkennen müssen, dass wir ihnen den Landauer durchgetan haben. Immerhin war das nur ein Vorspiel zu größeren Kuren, die wir uns gelobt haben für den Fall, dass sich die Beschnittenen bei uns noch einmal mausig machen. Dann geht's aus dem Vollen." Als "kruden Antisemitismus" geißelt Weber das. Mit Recht! Hitler wird an diesen Worten seine Freude gehabt haben.

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323 Seiten, 24,80 Euro, ISBN 978-3-486-58060-0

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