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12. Januar 2011 18:05 Uhr

Alt, arm, ausgeschlossen und allein

Bad Wörishofen "Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel" - dieser Satz trifft immer mehr auch auf Rentner zu. Und die Armut im Alter wird sich in den nächsten Jahren noch dramatisch verschlimmern. Das sagte zumindest jüngst der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider und Sozialexperten stimmten ihm zu. Der Anteil der über 65-Jährigen, die auf die staatliche Grundsicherung im Alter angewiesen sind, werde sich laut Schneider von derzeit deutschlandweit etwa 2,5 Prozent bis zum Jahr 2025 "auf zehn Prozent oder mehr vervierfachen". Für die Kommunen und Landkreise, die für die Grundsicherung der Menschen aufkommen müssen, könnte sich laut Schneider diese zum finanziellen Sprengsatz entwickeln.

Gerhard König, Sachgebietsleiter für Soziales und Senioren im Landratsamt Unterallgäu, sieht dennoch nicht ganz so schwarz wie der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. "Im Landkreis Unterallgäu liegt der Prozentsatz der Menschen, die Grundsicherung beziehen, derzeit bei 0,25 Prozent, sprich rund 350 Menschen beziehen sie. "Wir beobachten zwar von Jahr zu Jahr eine leicht steigende Tendenz, doch niemand kann sagen, wie hoch die Zahlen in 10 oder 15 Jahren sein werden", so König gegenüber der Mindelheimer Zeitung. Generell sei aber natürlich mit Bedauern festzustellen, dass die soziale Schere immer weiter auseinandergehe.

Peter Fischer und seine Kollegin von der Bürgerhilfsstelle in Bad Wörishofen zeigten sich angesichts der düsteren Prognosen Schneiders nicht überrascht. Kaum mehr ein Rentenantrag gehe heute schon ohne Abschläge raus, die wenigsten könnten auf eine volle Regelsaltersrente bauen. Rund 40 bis 50 Grundsicherungsanträge (auch Wiederholungsanträge!) seien jährlich in Bad Wörishofen heute schon zu verzeichnen.

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Viele Brüche in der Erwerbsbiografie führen zu Altersarmut

"Die Ursachen der Altersarmut sind vielfältig. Mehrmalige Arbeitslosigkeit, Mini-Jobs bei Niedriglöhnen, oder gerade im Hotelgewerbe vielfacher Stellungswechsel sind nur einige wenige", so Fischer. "Ein Arbeitnehmer, der ausschließlich und durchgehend bis zu seiner Rente bei einer Firma gearbeitet hat, findet sich heute kaum noch. Hingegen sind immer mehr Brüche und Auszeiten in der Erwerbsbiografie zu verzeichnen", erzählt Fischer. Manchmal sorgten nicht einzelne, sondern eine Kombination von mehreren Faktoren dafür, dass die Rente zum Lebensunterhalt nicht ausreiche. Fischer ist überzeugt, dass Altersarmut in Zukunft keine Randerscheinung mehr sein wird. Insbesondere auch wenn der Ehepartner sterbe, fielen viele Frauen schnell unter die Armutsgrenze (Sie bekommen 60 Prozent der Altersrente des Verstorbenen). Unter den gegenwärtigen Bedingungen werden die Armutsrisiken auch weiter zunehmen, davon sind die Mitarbeiter der Bürgerhilfsstelle überzeugt.

Obwohl aber in Bad Wörishofen der Altersdurchschnitt heute schon so hoch ist, wie er für andere Gemeinden erst in 20 Jahren prognostiziert wird, ist den Mitarbeitern der Bürgerhilfsstelle für die Kurstadt nicht ganz so bang. "Unsere Neubürger sind meist sehr betucht. Hier ist nicht die Altersarmut das Problem der Zukunft, sondern eher die Vereinsamung im Alter, wenn kein soziales Netz mehr aufgebaut werden kann", so Fischer, dem übrigens auch aufgefallen ist, dass kaum ein Antrag auf Grundsicherung aus den Ortsteilen gestellt wird. Hier lebe der Opa oder die Oma eben noch mit im Familienverbund. Auch Gerhard König bestätigte, dass sich die Altersarmut überwiegend auf die Städte konzentriere.

Für Ilse Siefert-Westphal, Leiterin der Tafel vor Ort, ist Altersarmut in Bad Wörishofen kein Thema der Zukunft. "60 Prozent unserer Tafelkunden sind bereits heute schon Rentnerinnen und Rentner", so Siefert-Westphal und sie bestätigt, dass die Zahl kontinuierlich steigt. Ebenso seien immer mehr Langzeitarbeitslose ab 55 Jahren zu verzeichnen. "Und es kommen längst nicht alle zur Tafel, die berechtigt wären", ergänzt die Tafelleiterin. Die Scham sei groß, manchmal herrsche aber auch eine große Unwissenheit, ab wann man eine Unterstützung beantragen könnte.

Brigitte Essl, Geschäftsführerin der Ambulanten Krankenpflege in Bad Wörishofen, und Annelies Kistler, Pflegedienstleiterin, schließen sich der Meinung von Ilse Westphal-Siefert an. "Schon heute ist eine gewisse Altersarmut zu verzeichnen", bestätigen beide. Aus ihren Vertrauenspositionen heraus dürften sie aber keine Details in die Öffentlichkeit tragen. Im Rahmen der Möglichkeiten unterstütze "die Ambulante" diese Menschen zu Hause. So brächten die Schwestern zum Beispiel von der Tafel gepackte Waren direkt zu den Patienten in die Wohnungen. Es seien nicht wenige, die im Alter obwohl sie immer gearbeitet hätten zum Leben zu wenig Geld zur Verfügung hätten.

Um der Vereinsamung vieler, älter Menschen entgegenzuwirken sei auch vor acht Jahren der Besuchsdienst DaN (Dienst am Nächsten) gegründet worden. "Derzeit gehören 16 Ehrenamtliche dem Kreis an, sie besuchen regelmäßig 25 Personen", so Leiterin Gisela Liebmann.

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