Rettungswagen des Roten Kreuzes werden mit neuem Herz-Druck-System versorgt. Die Überlebenschancen für Bewohner des Landkreises steigen somit Von Johann Stoll

Mindelheim Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Allein in Deutschland erleiden Jahr für Jahr 200 000 Menschen den plötzlichen Herztod. Dagegen nehmen sich die mehrere tausend Unfallopfer auf den Straßen geradezu als verschwindend gering aus.
Beim plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand kommt es auf jede Sekunde an. Warten, bis der Notarzt kommt, ist definitiv der falsche Weg, betonen Ärztevertreter seit vielen Jahren. Kommt nicht innerhalb der ersten Minute Hilfe, kann das schwerwiegende Folgen nach sich ziehen: schwerste gesundheitliche Schäden oder gar den Tode.
Gehandelt werden muss also sofort, und zwar von jedem, der gerade in der Nähe ist. Deshalb haben vor zwei Jahren der Mindelheimer Chefarzt und Anästhesist Dr. Manfred Nuscheler zusammen mit dem Kreisklinikum und dem Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes die große Aufklärungskampagne „Hand aufs Herz“ ins Leben gerufen. Über Wochen hinweg warben die Initiatoren auf zahllosen Veranstaltungen im Landkreis dafür, ohne Scheu sofort die Herz-Druck-Massage anzuwenden.
„Wenn die Erste Hilfe so schnell wie möglich kommt, besteht in 70 bis 80 Prozent der Fälle eine gute Heilungschance“, betont Nuscheler. Niemand brauche Scheu zu haben, etwas falsch zu machen. Falsch sei nur eines: nichts zu tun und zuzuschauen.
Die Aktion war offenbar sehr erfolgreich. Das lässt sich mit Zahlen belegen. Der Ärztliche Direktor des Kreisklinikums, Privatdozent Dr. Peter Steinbigler, sagt, die Region habe mittlerweile eine der niedrigsten Sterblichkeitsraten nach Herz-Kreislauf-Stillständen überhaupt in Deutschland. Ganz offenbar hat die Kampagne vielen Laien Mut gemacht, Erkrankten sofort zu helfen. „Das ist schon Anlass, dass wir uns ein klein wenig auf die Schultern klopfen dürfen“, so Steinbigler.
Die medizinische Versorgung im Landkeis Unterallgäu und der kreisfreien Stadt Memmingen ist nun noch einmal spürbar verbessert worden. Der Kreisverband des Roten Kreuzes hat sich fünf neue Geräte für ihre Rettungsfahrzeuge angeschafft. Kosten: 50 000 Euro. „Lucas CPR“ nimmt den Helfern die Herz-Druck-Massage ab. Das System arbeitet batteriegetrieben so gleichmäßig, dass es für die Patienten die beste Überlebenschance verspricht. 100 Kompressionen mit einer Tiefe von vier bis fünf Zentimetern schafft „Lucas“.
Im Rot-Kreuz-Haus in Mindelheim stellten der Kreisvorsitzende und Memminger Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger sowie seine zwei Stellvertreter Dr. Stephan Winter (Mindelheim) und Marlies Pschierer das neue Rettungssytem im Beisein von Chefärzten und Vertretern des Roten Kreuzes der Öffentlichkeit vor.
Der Obmann der niedergelassenenen Notärzte, Ralf Schnabel, betonte, Lucas sei eine deutliche Verbesserung für die Patienten, die einen Herzinfarkt erlitten haben. Der Leitende Oberarzt am Kreisklinikum, der Anästhesist Dr. Jürgen Auernhammer, lobt Lucas für dessen hochqualifizierte Herz-Druck-Massage. Wirklich sehr gute Überlebenschancen hat laut Schnabel aber nur, wem auch weiterhin möglichst sofort geholfen wird. Weil nicht neben jedem Herzpatienten ein Notarzt steht, wird es weiterhin auf das beherzte Eingreifen der Laien ankommen.
Dr. Nuscheler will 2012 die Aktionswochen noch einmal veranstalten und so für die notwendige Auffrischung des Wissens in der Bevölkerung sorgen. In 80 Prozent der Fälle ereignet sich ein plötzlicher Herz-Kreislauf-Stillstand übrigens im privaten Umfeld. Anders gesagt: Es sind vor allem die eigenen Familienangehörigen, denen gut ausgebildete Laien in schlimmer Not helfen können.
Der Ärztliche Direktor und Chefarzt Dr. Steinbigler ermunterte denn auch nachdrücklich dazu, die Herz-Druck-Massage anzuwenden. Die Ängste seien unbegründet, dem Patienten zu schaden. Und selbst wenn eine Rippe brechen würde, „ist das in dieser Lage das geringste Problem“.
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