Oberauerbach/Vaduz Hinter dem Bauernhaus der Familie Schuster in Oberauerbach geht in Sichtweite die Bahnlinie vorbei. Und die Kirche liegt so nah, dass man sonntags gar nicht eigens in den Gottesdienst gehen musste, um den Pfarrer predigen zu hören. Kein Wunder, dass der kleine Georg damals, in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, zwischen zwei Berufswünschen schwankte: Lokführer wollte er werden oder Pfarrer. Der fromme Wunsch siegte, wenn auch spät. Georg war schon 23, als die dominante Mutter endlich ihren erbitterten Widerstand aufgab.

Eine Watschn war der Auftakt zur kirchlichen Karriere
Sie wollte den einzigen Sohn unbedingt daheim in der Landwirtschaft behalten. Der Kirchdorfer Pfarrer Martin Zech machte sich zu Georgs Fürsprecher. Als er nach dem entscheidenden Gespräch mit der Mutter als Sieger das Haus verlassen hatte, gab diese ihrem Sohn als erstes eine gewaltige Watschn - aus Wut über ihre Niederlage, und weil sie nun ihren Einzigen von der straffen Leine lassen musste.
Wenn der heute 81-jährige Priester diese Geschichte erzählt, kann er darüber lächeln. Es ist nämlich, fast wie im Märchen, alles gut geworden. Er hat nicht nur die Mutter von seiner Berufung überzeugt, sondern auch die eigenen Ängste besiegt.
Er hat sein Leben nicht, wie es vorgezeichnet schien, mit Mist breiten, Getreide dreschen und Rüben hacken verbracht, sondern stattdessen Menschenseelen beackert und sogar im Alter noch eine erstaunliche Karriere gemacht: Seit vier Jahren ist Georg Schuster Hausgeistlicher der Fürsten zu Liechtenstein.
Zum Frühstück Salamisemmeln und Konversation mit der Fürstin
Statt in Oberauerbach in Gummistiefeln im Mist zu waten, hält er jeden Morgen die Messe in der Vaduzer Schlosskapelle und frühstückt danach mit Fürstin Marie im Renaissance-Speisesaal des Schlosses, bedient vom Butler in Livree und weißen Handschuhen. Sie isst eine Semmel mit Honig, er zieht Salami vor. Dabei plaudert man gepflegt über Politik, Banken, Kirche und Fragen des Zeitgeschehens.
Der Weg bis dahin war allerdings weit und steinig. Schuster erinnert sich: "Pfarrer sein wollt ich schon, aber werden nicht. Das lag an meiner Angst vor dem Lernen und der Schule, die ich immer gehasst habe."
Die Pralinenschachtel lag neben dem Lateinbuch
Pfarrer Martin Zech, selbst ein hochgebildeter Mann, hatte in der Schweiz Theologie studiert. Wohl aufgrund von Differenzen mit der Augsburger Obrigkeit hatte man ihn aufs Land verbannt.
Als guter Pädagoge erkannte er die Begabung des Buben und machte sich zu seinem Mentor. In seiner Studierstube paukte er mit ihm nach der Feldarbeit Latein und Griechisch, die Pralinenschachtel dabei immer in Reichweite.
Georg, der seine Auerbacher Volksschulzeit mit 96 Kindern in einem Raum verbracht hatte, sah sich im reifen Alter von 23 auf einmal an einem Gymnasium für Spätberufene in Stuttgart.
Dass er sich dort trotz Ängsten und Heimweh bis zum Abi durchbiss, lag sicher nicht zuletzt am Trotz: "Du kommst schon wieder zurück, sagte mir die Mama voraus." Den Triumph gönnte er ihr nicht.
Zech vermittelte ihm einen Platz im Priesterseminar in Chur, wo er vor zu starker Einflussnahme der herrischen Mutter sicher war und fünf glückliche Jahre verbrachte. Was ihn aber nicht hinderte, in allen Ferien nach Hause zu fahren.
Am Bahnhof Stetten erwartete ihn die Mutter schon ungeduldig mit dem Milchwägele. Dann hieß es wieder, die Mistgabel packen, den Traktor entern und schuften bis zum Umfallen.
In Chur genoss der junge Student die freiere Atmosphäre, das freundliche Klima, den Blick ins Rheintal und das Zusammensein mit Gleichgesinnten. Hier konnten sich seine Lebensfreude, die Begabung zu Heiterkeit und Freundschaft und die Liebe zu allem Schönen und Wohlgeordneten entfalten - Eigenschaften, die Georg Schuster auf seinem weiteren Weg zugutekamen. Noch dem 81-Jährigen verleiht seine Frische und Offenheit einen unwiderstehlichen Charme.
Schuster blieb dieser Landschaft treu. Er wurde Kaplan in Schwyz und war 18 Jahre lang Pfarrer in Triesen bei Vaduz. Dort hatte er einen guten Stand, weil er nicht nur den Rosenkranz betete, sondern auch mit den Leuten am Stammtisch Bier trank und Karten spielte.
Die Mutter begrub ihren Groll. Im gut geheizten, gemütlichen Pfarrhaus fühlten sich die Eltern bei ihren Besuchen so wohl, dass er bisweilen mit dem Zaunpfahl winken musste, um sie wieder zum Heimfahren zu bewegen.
2004 ließ sich der rüstige Rentner in Vaduz nieder. Dort wurde er gleich vom Pfarrer in die Pflicht genommen: "Ist das schön, dass Sie wieder da sind. Da können Sie gleich die Pfingstpredigt halten!"
Nach jenem Pfingstgottesdienst sprach ihn auf dem Kirchplatz die hocherfreute Fürstin an und bat ihn um ein Treffen. Sie trug ihm das Amt als Hausgeistlicher an, das er seither mit Vergnügen versieht.
Um seine Verdienste zu würdigen, verlieh ihm das Fürstenhaus neulich sogar den Ehrentitel "Fürstlich-geistlicher Rat". Nach der Verleihung gab's ein Festmenü mit Pfeffersteak und Schokoladensoufflé, und der ehemalige Bauernbub aus Oberauerbach war tatsächlich "ein bisschen stolz".
Wenn ihn die Lust ankommt, fährt er nach Locarno zum Kaffeetrinken oder mit dem Lift auf den Berg in die Sonne. Den angenehmen Dingen des Lebens ist er zugeneigt. Er liebt es, "an einem schönen Ort bei gutem Essen mit Freunden zusammenzusitzen und zu plaudern".
Seinen Kontakt zur Unterallgäuer Heimat hat Schuster nie verloren. Nach dem Tod der Eltern hat er das Bauernhaus nach seinen Vorstellungen umgebaut. Jedes Jahr - insbesondere in der Zeit um Weihnachten - düst er mit seinem silbernen Cabrio nach Mindelheim, um dort den Kollegen als Seelsorger auszuhelfen. "Im Mindelheimer Pfarrhaus fühle ich mich daheim", sagt er.
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