Wipfel Otto Jörg ist keiner, der gerne im Rampenlicht steht. Der Altbürgermeister von Stetten fühlt sich im Strickpulli wohler als im Anzug, auf Protokollarisches könnte er gut verzichten – und jetzt das: Vor ihm auf dem Tisch in der guten Stube liegt eine dunkelblaue Schatulle, daneben eine Art Gebrauchsanweisung. Es sind die „Empfehlungen zur Trageweise des Verdienstsordens der Bundesrepublik Deutschland“, in denen Otto Jörg nachlesen kann, wie er das Bundesverdienstkreuz am Bande richtig trägt, mit dem er gerade ausgezeichnet worden ist.
Er fühlt sich geehrt, will aber nicht im Rampenlicht stehen
Im Moment stellt sich diese Frage jedoch nicht und wenn man Otto Jörg so sitzen sieht, würde man gerne ein „glücklicherweise“ anfügen. Die hohe Auszeichnung bereitet ihm sichtliches Unbehagen. Natürlich fühle er sich geehrt, aber: „Man tut halt seinen Dienst, wo man meint, dass es hilft.“ So hielten es doch auch viele andere.
Das Argument, dass wohl bei nicht gar so vielen anderen die Liste der „Hilfseinsätze“ so lang ist wie bei ihm, will er zwar nicht gelten lassen. Ganz von der Hand zu weisen ist es aber nicht. Schließlich sprach Finanzstaatssekretär Franz Josef Pschierer bei der Ordensverleihung in München nicht umsonst von einem „außergewöhnlichen und verdienstvollen Einsatz“.
In der Tat hat Otto Jörg – man kann es nicht anders sagen, auch wenn er sich jeden „Weihrauch“ quasi unter Strafandrohung strikt verbeten hat – unglaublich Vieles mit angestoßen: die Gründung neuer Landjugendgruppen, den „Grünen Kreis“ im Landkreis Mindelheim“, kreisweite Altkleider- und Altpapiersammlung für die Ausbildung von Entwicklungshelfern und den Kauf des Landjugendhauses Kienberg, den Maschinen- und Betriebshilfering, die Unterallgäuer Leitbildstudie und den deutsch-französischen Freundeskreis.
Und er ist – oft über Jahrzehnte hinweg – dabeigeblieben: als Kreisobmann der Landjugend und des Bayerischen Bauernverbands, als Vorsitzender des Maschinen- und Betriebshilferings, als Mitglied der Kirchenverwaltung und des Pfarrgemeinderats, als Vorsitzender der Sängervereinigung Erisried und seit kurzem als Lesepate an der Grundschule.
Als wäre das alles nicht genug, ist der Landwirtschaftsmeister auch politisch aktiv. Im Jahr 1966 wird er in den Gemeinderat gewählt, später auch in den Kreistag und nach 30 Jahren als Gemeinderat zum Bürgermeister von Stetten gewählt. Zwölf Jahre übte er dieses Amt aus.
Wenn man ihn heute fragt, wie er das alles unter einen Hut gebracht hat, sagt er fast entschuldigend: „Ich bin ja nicht verheiratet und hab keine Kinder. Da war die Politik über weite Teile meine Familie.“
Mit Begeisterung erzählt er von der Sahara-Durchquerung
Er habe halt Zeit gehabt. Nun hätte er die freilich auch anderweitig verbringen können. Auf seinem Motorrad zum Beispiel, einer 1000er Boxer, mit der er schon ziemlich rumgekommen ist. Mit der ihm eigenen Begeisterung erzählt er von seinen Reisen, unter anderem einer Sahara-Durchquerung, und den Leuten, die er dabei kennen- und vor allem schätzen gelernt hat. „Das hat mir menschlich viel gegeben“, sagt er.
Überhaupt legt er großen Wert auf Menschlichkeit – mehr als auf Lob und Auszeichnungen. Denn er steht wie gesagt nicht gern im Rampenlicht. Und wenn es dann schon sein muss, dann auch nur, um insbesondere die Jugend zu ermuntern, sich zu engagieren.