Donnerstag, 29. September 2016

29. Juli 2010 19:45 Uhr

Landwirtschaft

Genmais: Der Tod einer ganzen Kuhherde

Auf einem Informationsabend in Pfaffenhausen warnt ein Landwirt aus Hessen vor dem sorglosen Einsatz von gentechnisch verändertem Mais. Seine ganze Tierherde ist an den Folgen qualvoll verendet. Von Johann Stoll

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Gentechnisch verändertes Saatgut wird von den Gegnern hart bekämpft. Bild: dpa

Ein Raunen geht durch den Saal in der mit 350 Besuchern voll besetzten Aula der Verbandsschule Pfaffenhausen. Gottfried Glöckner war bis vor ein paar Jahren Landwirt im hessischen Wölfersheim. Einige Jahre baute er auf Versuchsfeldern gentechnisch veränderten Mais an, sogenannten Bt 176 der Firma Syngenta. Dieser ging komplett als Futter an seine Kühe.

Und am Ende diese Bilder: Nelke und Lilie tot wie die anderen 65 Kühe. Marylin hat einen kompletten Euterdurchbruch erlitten. Kurz darauf verendet auch diese Kuh. Erfahrene Bauern im Saal können es kaum fassen, als sie das Bild von Marylin kurz vor ihrem Ableben sehen.

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Die Botschaft an diesem Abend in Pfaffenhausen ist klar: Agrogentechnik sei unverantwortlich, der Verbraucherschutz werde von Behörden und Politik nicht beachtet. Ein Kreis von Landwirten und Imkern um Friedrich Bichler und Josef Strobel aus Salgen hat das Thema Gentechnik jetzt aufgegriffen, um das es in der Vergangenheit auffällig ruhig im Unterallgäu war. Über den großen Andrang waren sie selbst am meisten überrascht.

In den Abend führte Salgens Bürgermeister und Landwirt Hans Egger ein. Auch er sprach die Sorgen an, die möglichen Risiken. Den bayerischen Bauern sei auf 800 Hektar gentechnisch verändertes Saatgut untergejubelt worden, was diese nicht haben wollten. Damit sprach Egger den aktuellen Fall an, dass auch im Unterallgäu einige Bauern ihren Mais vernichten mussten. Dass die Firma nun für den Schaden nicht aufkommen wolle, kritisierte Egger.

Viele gingen mit betroffenen Gesichtern nach Hause

Die Bauern gehe das Thema Agrogentechnik an, aber auch die Verbraucher. Er hoffe, dass alle am Ende "etwas g'scheiter" nach Hause gehen. Viele gingen jedenfalls mit betroffenen Gesichtern heim.

Dass Agrogentechnik nichts mit konventioneller Züchtung zu tun habe, unterstrich Anja Sobczak vom Umweltinstitut München. Erbanlagen würden über Artgrenzen hinweg neu kombiniert - etwa so, als ob Salat und Ratte miteinander gekreuzt würden.

In sechs Ländern werde genveränderter Mais, Soja, Baumwolle und Raps eingesetzt, vor allem in Amerika. Anfangs mit gutem Erfolg: Der Einsatz von Pestiziden ließe sich verringern. Dieser Effekt halte aber nicht lange vor. Superunkräuter bildeten sich.

Womöglich könnte der Genmais in der zweiten und dritten Generation beim Menschen dazu führen, dass die Fruchtbarkeit deutlich sinkt. Dies sei aber nicht abschließend erforscht. Sobczak sieht hinter allem eine Strategie der Industrie: Die Landwirtschaft solle von den Großkonzernen abhängig gemacht werden. Letztlich würden nur noch Terminator-Pflanzen verkauft werden, mit denen keine eigene Nachzucht von Saatgut möglich sei. Für jede gentechnisch veränderte Pflanze wendeten die Konzerne 80 bis 90 Millionen US-Dollar auf. Dieses Geld müsse wieder hereinverdient werden. Ein Landwirt sollte später in der Diskussion sagen: "Wer Gentechnik nicht hinterfragt, hat sich mit modernem Sklaventum der Bauern abgefunden."

Noch könne die Gentechnik zumindest in Europa aufgehalten werden, sagte Sobczak. Allerdings stünden in Brüssel 16 Neuanmeldungen an. Seine Erfahrungen mit einer Saatgutfirma beschrieb Glöckner, der aus Hessen angereist war. Es sei versucht worden, ihn mundtot zu machen. Ein Mähdrescher und Urlaubsfahrten seien ihm angeboten worden. Glöckner geht einen anderen Weg: Er klagt an. Er schilderte Fälle von Missbildungen und Todesfällen bei Kälbern und Rindern, die er allein auf die Gentechnik zurückführt. Toxin habe sich im veränderten Mais angesammelt. Dies und geringere Aminosäurengehalt seien die Hauptursachen gewesen, dass er letztlich seinen Hof habe aufgeben müssen. Schaden: 500.000 Euro.

Glöckner machte Politik und Zulassungsbehörden verantwortlich. Den Fütterungsversuch der Technischen Universität München kritisierte er als verharmlosend. Kühe seien ausgetauscht worden, die Tiere hätten deutlich schlechter getragen. In der Aussprache forderte eine Besucherin ein Allgäu ohne Gentechnik. Der Bauernverband sollte aktiv werden. BBV-Kreisobmann Gerhard Miller betonte, der Bauernverband im Unterallgäu setze sich schon seit zwei Jahren für gentechnikfreien Anbau ein. Die Fütterung mit genverändertem Soja allerdings ging er nicht an. Es hätten aber zu wenige Bauern unterschrieben, als die Obmänner von Haus zu Haus gezogen waren.

Das könnte sich vielleicht ändern, wie Friedrich Bichler am Ende des mehr als dreistündigen Abends meinte. Die Bauern wollten gesunde Lebensmittel herstellen und keine "Bauchfüller". Die Bauern jedenfalls wollen weiter kämpfen. Von Johann Stoll

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