Montag, 26. Februar 2018

13. Februar 2018 19:03 Uhr

Unteregg

Gequält, gebrandschatzt, gemordet

Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg und damit für die Menschen eine Zeit des Horrors. Der damalige Pfarrer von Unteregg hat das Drama für die Nachwelt festgehalten.

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Dieses Bild zeigt das ursprüngliche Hochaltarbild aus der stattlichen Nothelferkapelle (Pestkapelle) bei Apfeltrach aus dem Jahre 1718. Es befindet sich mittlerweile in der St.-Leonhard-Kirche in Apfeltrach. Das Gemälde stellt die 14 Nothelfer dar. Man sagt, dass sie die Gesichter der wenigen Überlebenden zeigen, die in Apfeltrach damals die Pest überstanden haben.
Foto: Josef Hölzle

Es war eine nicht enden wollende Kette von Kriegen mit unvorstellbaren Gräueln an der Bevölkerung. Was wir heute unter dem Begriff „Dreißigjähriger Krieg“ verstehen, begann vor 400 Jahren als Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken. Mit dem Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 brach sich der Aufstand der protestantischen böhmischen Stände gegen den katholischen böhmischen König Bahn. Es war der Beginn eines Dramas, das erst am 24. Oktober 1648 mit dem Westfälischen Frieden sein Ende fand. Das Ausmaß dieser Katastrophe war lange Zeit in Vergessenheit geraten. Gemessen an der Bevölkerungszahl forderte der Dreißigjährige Krieg sogar höhere Opferzahlen als die Kriege des 20. Jahrhunderts. Während dieser immer wieder auflodernde Krieg insgesamt gut erforscht ist, sind lokal nur wenige Quellen erhalten geblieben. Zu oft sind die Dörfer gebrandschatzt worden. Eine große Ausnahme bilden die Aufzeichnungen des Egger Pfarrers Stephan Mair. Mair war in Frechenrieden zur Welt gekommen und trat 1627 die Pfarrstelle in Egg (heute Unteregg) an. 1645 endet sein Leben. Da war er 54 Jahre alt.

Was diesen Pfarrer so ungewöhnlich macht, sind seine Aufzeichnungen. Schreiben konnten zu jener Zeit auf dem Land meist nur Geistliche. Stephan Mair hat auf handgeschöpftem Papier notiert, was seinem Dorf und den Menschen widerfahren war – mal von schwedischen Soldaten, mal von kaiserlichen. Meist hat er auch das Datum vermerkt.

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In Bayersried überlebte niemand

Emma und Josef Lederle haben das kleine Büchlein, das heute im Augsburger Kirchenarchiv sorgsam verwahrt wird, bereits vor 30 Jahren in Maschinenschrift übertragen. Neben marodierenden Soldatenhaufen, die die Bevölkerung auspressten und quälten, war es vor allem die Pest, die in den Dörfern ein „großes Sterbet“ verursacht hat. Bayersried gehörte zu jenen Orten, in denen keine Seele überlebt hat. Ein vom Bischof entsandter Pfarrer traf in einem Totendorf ein.

Süddeutschland gehörte nicht zu den Hauptkriegsgebieten. Dort flackerten die Kämpfe auch erst relativ spät auf. Von der ersten Begegnung mit schwedischen Soldaten berichtet Mair 1634. Am 1. April war er von ihnen aufgegriffen und gefangen genommen worden. „Schwedischer Feld Marschallen Gustavus Adolphus Horn lag mit seinen Armeen für Kempten, wurden von danen nachher Mindelhaim und lött bey 150 abzuehollen commandiert“, steht in den Aufzeichnungen. Der Pfarrer hatte noch versucht, sich in einem Wäldchen zu verstecken, als er von einem schwedischen Reiter gesehen wurde. Er zückte seine Pistole und sagte: „Heitt ist daß dein Todt, sterben muß Du, ich gedacht beyr mir selbst, wen eß der willen Gottes ist“.

Hätte der protestantische Soldat geahnt, dass der katholische Pfarrer vor ihm steht, es wäre wohl tatsächlich um ihn geschehen gewesen. Sein „Säckhell“ musste er leeren, in dem sich ein Taler befand.

Eine Mutter soll die eigenen Kinder gegessen haben

Die Schweden fordern mehr Geld und drohen, ihm „Wasser einschitten“. Der Pfarrer reißt sich los, läuft so schnell er kann durch die Häuser, während er von einem Schweden mit gezücktem Degen verfolgt wird. Mit Müh und Not findet er Unterschlupf und wird wie durch ein Wunder nicht entdeckt. Er gelobt noch in seinem Versteck, bei nächster Gelegenheit zu beichten und drei Messen von unserer „lieben Frawen zue lessen.“

Im nahen Wald klettert er auf eine Tanne, unter der später ein schwedischer Soldat reitet, ohne ihn zu sehen.

1634 und 35 herrschte große Trockenheit. Das Wenige, was geerntet werden konnte, fraßen die Mäuse weg. Die Hungersnot war so groß, wie der Pfarrer schreibt, dass in Boss eine Mutter ihr eigenes Kind gegessen habe. Einer anderen Mutter konnte der Pfarrer ihre beiden Kinder entreißen, „sonsten hett sie ihr aigen flaisch und bluett abgemetzget und gefressen“.

Anno 1632 nahm das Elend seinen Anfang. Der Schwedenkönig Gustav Adolf war am 3. Juni mit 20 000 Mann nach Mindelheim gekommen, wie Mair schreibt. 1635 zogen Schweden von Memmingen her zu Raubzügen nach Dirlewang und Apfeltrach. Im selben Jahr traf es den Mindelmüller und seine Frau. Ihm wurde durch die Waden gebohrt, die Frau in den Ofen geschoben und Stroh angezündet. 15 Dukaten und zwei silberne Becher haben die Täter erpresst.

Viele Leute hat es ähnlich getroffen. Sie erlitten schwerste Verbrennungen, einige starben daran. Am 21. Juli 1635 war der Egger Pfarrhof zuletzt heimgesucht und ausgeraubt worden.

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Ein Artikel von
Johann Stoll

Mindelheimer Zeitung
Ressort: Redaktionsleiter, Stadt Mindelheim


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