Dienstag, 27. Juni 2017

14. März 2015 00:35 Uhr

KZ-Außenlager

Gute Erfahrungen in schrecklichen Jahren

Franz und Otto Rinninger pflegen bis heute eine Freundschaft zu dem Überlebenden Ernst Seinfeld, der heute in Florida lebt Von Barbara Knoll

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Oft schlichen Türkheimer Kinder Ende des Zweiten Weltkrieges um das KZ-Außenlager in Türkheim. So auch Franz Rinninger, der damals sechs Jahre alt war und mit seiner Familie in der sogenannten Fuchsfarm in der Nähe gewohnt hat. Ungeachtet von den Bewachern der Häftlinge schmiss er Lebensmittel in die Gräben, unter anderem auch warme Kartoffeln. „Diese Kartoffeln haben mir mit das Leben gerettet“, da ist sich der KZ-Überlebende Ernst (Ernest) Seinfeld, der heute über 90-jährig in Florida beheimatet ist, sicher.

„Ich selbst kann mich nur noch an Erzählungen meiner Mutter Amalie erinnern“, so Franz Rinninger. Diese sei eine herzensgute Frau gewesen und habe ihn immer wieder mit Lebensmitteln Richtung Lager geschickt. Fast täglich habe sie zu Hause Kartoffeln gesiedet. Oft seien ja die Häftlinge von Türkheim Bahnhof kommend ausgemergelt und bis aufs Skelett abgemagert am Elternhaus vorbei marschiert. Manchmal habe er auch im Gegenzug Zettel und Briefe aus dem Lager geschmuggelt, die seine Mutter dann abgeschickt habe. Sein Vater habe oft gejammert: „Irgendwann werden wir noch alle eingesperrt!“

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Ernst Seinfeld hat 2005 seine Erinnerungen niedergeschrieben. Er war am 7. Oktober mit einem Transport von Auschwitz in Kaufering, Lager 3, angekommen. Zuerst musste er dort tiefe Gräben ausheben. „Die Gräben waren tiefer als zwei Meter und gaben uns auch manchmal die Möglichkeit auszuruhen, wenn kein Aufseher in der Nähe war“, so Seinfeld in seinen Aufzeichnungen. Solche Rast sei sehr nötig gewesen, da alle hungern mussten, schwach waren und die Kleidung nie wechseln konnten. „Trotz unseres schäbigen Zustandes fanden andere Lebewesen – auch als Läuse bekannt – uns sehr attraktiv. Sie waren scheinbar die Einzigen, die uns liebten und uns sogar ihre Nachkommenschaft anvertrauten und in den Nähten der Kleider deponierten“, so Seinfeld weiter. Diese Neigung sei aber nicht erwidert worden. Untereinander hätte sich die Konversation meist ums Essen gedreht.

Eines Tages wurde Ernst Seinfeld dann in ein anderes Kommando nach Türkheim versetzt, wo gerade ein neues Lager im Aufbau war. „Wieder mussten wir Gräben ausheben, die allerdings viel weniger tief waren, da sie bloß für die Grundmauern der zu errichtenden Baracken dienen sollten“, so Seinfeld. Die Fahrt nach Türkheim sei sehr lange gewesen und sie seien keinem Menschen begegnet, mit dem sie vielleicht hätten Kontakt aufnehmen können in der Hoffnung auf ein Stück Brot oder eine Kartoffel.

Unerwartete und frohe Überraschung

„Daher war es eine unerwartete und frohe Überraschung, als plötzlich der kleine Junge erschien und anscheinend sorglos entlang des Grabens marschierte und von Zeit zu Zeit Kartoffeln in den Graben warf“, erzählt Seinfeld. Es sei ihm und seinem Freund auch gelungen, Kontakt mit den Eltern des Jungens aufzunehmen. So hätten sie kurze Briefe nach Wien zu ihren Verwandten und Bekannten schicken können. Sie hätten um Essen und Kleidung gebeten. Die Rinningers hätten solch ein Paket auch in Empfang genommen, doch ihm nicht mehr übergeben können. Er habe da bereits schon wieder in einem anderen Lager in Landshut arbeiten müssen.

Seinfeld schildert auch seine Erfahrungen dort detailliert. Da er einmal ein Stück frisch gebackenes Brot zu schnell in sich hineingeschlungen habe, sei er mit einer Darmverschlingung im Militär-Lazarett bei Dachau gelandet. Dort sei er dann operiert und sehr gut behandelt worden. Es gelang ihm auch, im Spital zu bleiben, nachdem die Wunden längst verheilt waren. Das hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet.

Mit Ernst Seinfeld pflegen die Rinninger-Brüder bis heute einen freundschaftlichen Briefwechsel und persönlichen Kontakt. Otto Rinninger hat ihn bereits zweimal in New York besucht und auch Seinfeld war 2009 einmal wieder in Türkheim. Damals war er auch zu Gedenkfeiern anlässlich der KZ-Befreiungen in Berlin und in München eingeladen.

Zum Dank erhielten die Buben Geschenkpakete aus Amerika

„Ich kann mich noch gut erinnern, dass Ernst Seinfeld uns nach Kriegsende aus Amerika große Pakete gefüllt mit Kaugummis und Schokolade geschickt hat. Das war für uns Kinder damals das Größte“, so Otto Rinninger. Dass er heute wieder Asylbewerbern Deutschunterricht geben kann, freut ihn ganz besonders. Da ergänze sich so ein Kreis der Hilfsbereitschaft seiner Familie.

Seine Zeit in Türkheim bezeichnet Ernst Seinfeld als eine der wenigen guten Erfahrungen in schrecklichen Jahren.

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