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12. Februar 2010 18:20 Uhr

Im Kloster erfahren, was Freiheit bedeutet

Mindelheim Man schreibt das Jahr 1986. Die 19-jährige Studentin Gabriele Martin sitzt der Provinzoberin der Münchner Maria Ward-Schwestern gegenüber und fühlt sich so unsicher und durcheinander wie noch nie in ihrem Leben. Von eva-maria frieder

Dabei hat sie selbst um dieses Treffen gebeten. Die Kaufbeurerin ist kurz zuvor in das Studentinnen-Wohnheim des Maria-Ward-Ordens in der Schellingstraße eingezogen; während eines Frühgottesdienstes dort traf sie die Gewissheit wie ein Blitz: "Da gehörst du hin!"

Was? Ins Kloster gehen? Das ist doch absurd. Gabriele erklärt sich insgeheim für verrückt, schiebt den Gedanken ungehalten weg, aber er kommt umso hartnäckiger zurück. Sie versteht sich selbst nicht mehr. Kurz darauf sieht sie einen alten Prospekt des Maria-Ward-Ordens herumliegen herum liegen; ein Satz auf der Titelseite springt sie an wie mit feurigen Buchstaben: "Begnüge dich mit nichts, was weniger ist als Gott." Das Wort scheint direkt an sie gerichtet - eine junge Frau, die schon damals mit großer Entschiedenheit, Kompromisslosigkeit und Konsequenz dem Wesentlichen im Leben auf der Spur ist.

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Gabriele gibt ihren Widerstand auf und bittet um ein Gespräch mit der Provinzoberin. Da sitzt sie jetzt - und alles, was ihr sonst Halt gibt, hat sie verlassen: ihr kühler Verstand, ihre Sprachgewandtheit, ihre Selbstsicherheit. "Ich stand total neben mir, konnte mich kaum artikulieren", gesteht sie. Auf die Fragen der Oberin, was sie denn vom Orden wisse, muss sie zugeben: "Eigentlich nichts."

Die Ordensfrau spürt dennoch, dass etwas die junge Frau bis ins tiefste Innere gepackt hat. Sie gibt ihr eine Ordensfrau als Beraterin an die Seite. Und langsam kommt Klarheit in Gabrieles Gedanken und Gefühle. Alles fügt sich nach und nach wie Mosaiksteinchen zu einem Bild, bis sie erkennt: "Ja, das ist wirklich mein Weg."

Schwester Gabriele, die ihren Taufnamen behalten hat und niemals Ordenstracht trägt, ist heute 42 Jahre alt. Eine Nonne, wie sie Lieschen Müller sich vorstellt, ist sie nicht geworden.

Gabriele Martin prüft sich selber gründlich. Sie bleibt im Maria-Ward-Heim wohnen und lebt den Alltag der Schwestern mit. Sie absolviert ihr Studium der Germanistik, Geografie und Geschichte und geht danach für ein halbes Jahr nach Schweden, wo sie Gruppen in die Berge führt und sich mit der nötigen Distanz über ihre Berufung klar zu werden versucht.

1994 tritt sie in den Orden ein und arbeitet zwölf Jahre lang als Lehrerin am Gymnasium der Maria- Ward-Schwestern in München. Im Schulsystem fühlt sie sich zunehmend unwohl: "Meine Art zu unterrichten passt da nicht hinein. Die Schule wird von der Wirtschaft dirigiert, sie formt die Jugendlichen auf ihre Ziele hin und gängelt sie. Das halte ich für grundfalsch. Ich gehe vom Menschen aus, der ein eigenes Ziel hat; ich will ihn begleiten, damit er es durch freies Tun findet."

Konsequent, wie sie ist, erwirbt sie an der Uni Linz eine Qualifikation als Erlebnispädagogin und Outdoor-Trainerin. In der Jugendarbeit hat sie Erfahrung, sportlich ist sie auch. Sie hat ihre Nische gefunden. Das Kapitel Schule schließt sie ab.

Im Auftrag ihres Ordens reist sie mittlerweile in ganz Deutschland herum, leitet Lehrerfortbildungen, Trekkingtouren und Wander-Exerzitien und hält Workshops zur Pädagogik des Maria-Ward-Ordens.

Nicht von sich weg, sondern tiefer zu sich selbst kommen

Es geht ihr weniger um "action und fun", sondern darum, "durch das Erlebnis die Realität besser zu verstehen, in die Tiefe zu gehen. Anzunehmen statt wegzuschieben."

Seit Herbst 2007 lebt Gabriele Martin zusammen mit acht deutlich älteren Mitschwestern in der Mindelheimer Gemeinschaft. Sie fühlt sich wohl hier, sie mag die Stadt und ihre Atmosphäre.

Dass sie in den Orden eingetreten ist, hat sie nie bereut. Es ist ein den Menschen zugewandter Orden, das kommt ihrem Temperament entgegen. Sie lebt zwar in Gemeinschaft, hat Pflichten und muss sich einordnen, aber sie hat nicht das Gefühl, ihre Freiheit aufgegeben zu haben: "Ich habe in dieser Lebensform eine innere Freiheit gewonnen. Hier komme ich zu mehr Leben, zu mehr Tiefe, und das drängt nach Dialog, das will ich mitteilen und Gottes Spuren weitertragen."

Schwester Gabriele stellt fest, dieser Weg sei zwar ihrer, das heiße aber nicht, dass er der einzig richtige sei: "Jeder Mensch hat seine Berufung, jeder muss seinen Weg finden. Ich habe was dagegen, dass man den Ordensstand glorifiziert. Aber er setzt ein Zeichen der Authentizität, einen Kontrapunkt, der in die Gesellschaft hineinwirkt."

Momentan bereitet die Schwester eine Gruppenwanderung vor, die in mehreren Etappen von München nach Rom führen soll. Vorbild ist eine Reise der Ordensgründerin im Jahr 1627. An der Wanderung werden auch zwei Leute aus Mindelheim teilnehmen.

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