Der Mindelheimer Günter Niesner wird heute 70. Jahrzehntelang Schwächeren Stimme gegeben Von Johann Stoll

Mindelheim Günter Niesner sieht in diesen Tagen aus wie das blühende Leben. Sein Gesicht ist braun gebrannt. Entspannt sitzt er in der Laube seines Hauses in der Gartenstraße mit Blick auf Schrebergärten und viel Grün. Dabei war der reisefreudige Mindelheimer schon seit vielen Wochen nicht mehr unterwegs. Die geplante Berlinfahrt musste ebenso ins Wasser fallen wie eine Zugreise in die Schweiz. Seine gute Gesichtsfarbe verdankt er allein dem guten Wetter in Mindelheim.
Nach einem Klinikaufenthalt ist er jetzt wieder fit
Die vergangenen Wochen waren für ihn weniger schön. Wegen einer inneren Erkrankung musste sich der unermüdliche Kämpfer für die Rechte behinderter Menschen in ärztliche Behandlung ins Mindelheimer Krankenhaus begeben. Rechtzeitig zu seinem großen Ehrentag an diesem Montag ist Günter Niesner wieder fit. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag.
Am Vormittag will Bürgermeister Dr. Stephan Winter vorbeikommen. Wohl wird sich auch der eine oder andere Weggefährte sehen lassen, vermutet Niesner. Mit Verwandten und Freunden wird am Pfingstmontag groß gefeiert.
Aber eigentlich mag er nicht so recht wahrhaben, dass jetzt eine sieben zu Beginn seiner Alterszahl steht. Wirklich verändern wird ihn dieses Datum nicht. Niesner arbeitet unvermindert an seiner großen Lebensaufgabe, die da heißt: Menschen mit Behinderung eine Stimme geben, Behörden mit Verbesserungsvorschlägen versorgen und das öffentliche Bewusstsein für Schwächere wachhalten. Zwar ist Niesner seit ein paar Jahren nicht mehr Vorsitzender der Behindertenkontaktgruppe, die nach wie vor zwischen 210 und 220 Mitglieder zählt. Sein Rat ist aber nach wie vor gefragt.
Dabei ist viel geschehen in den vergangenen Jahren. Bei öffentlichen Bauten gehöre es längst zum guten Ton, barrierefrei zu bauen. Das Mindelheimer Rathaus ist jetzt auch im Rollstuhl ohne fremde Hilfe erreichbar, wenngleich dies nur für das Erdgeschoss gilt.
Im vorigen Jahr hat er sich noch einmal deutlich zu Wort gemeldet und erfolgreich einen Behindertenparkplatz am Müller-Markt in der Mindelheimer Altstadt eingefordert. Insgesamt, sagt Niesner, sei Mindelheim sehr behindertenfreundlich. Vieles sei in den zurückliegenden Jahren geschehen. Dass er daran großen Anteil hat, sagt er nicht.
Verständnis wecken für die Bedürfnisse anderer
Seit 1969 schiebt Niesner in der Behindertenarbeit an. Er versucht Verständnis zu wecken für die Bedürfnisse von Behinderten ebenso wie von geistig beeinträchtigten Menschen. Über Alfred Kalkus von der Jugendversehrtensportgruppe hatte er den Kontakt zu den Behinderten gefunden. Niesner wurde im Sudetenland geboren und wurde 1946 mit seiner Familie vertrieben. Niesner fand zunächst in Oberkammlach ein neues Zuhause.
Es war zwar keine unbeschwerte Kindheit – Niesner litt an Kleinwuchs – er konnte aber herumspringen und Rad fahren wie jedes andere Kind auch. Seit vielen Jahren ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Der Wirbelkanal hatte sich verengt. Diese einzelnen Phasen seines Lebens – zwischen schlecht gehen und gar nicht mehr gehen können – haben ihn geprägt. Gehen lassen hat er sich aber nie. Günter Niesner ist eine Kämpfernatur.
Seinen Beruf empfand Niesner als besonderes Geschenk. Er war 37 Jahre lang bei der Firma Kleiner beschäftigt. Unter anderem leitete er die Ausbildung. Er weiß sich auch im Ruhestand mit Lesen und dem Digitalisieren von 5000 Dias gut beschäftigt. Sich unabhängig mit seinem Elektromobil draußen bewegen zu können, bereitet Günter Niesner nach wie vor besondere Lust.
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