Ettringen Ein Faschingsverein wie die Ettrinarria ist heute fast ein kleines Unternehmen mit eigener Buchhaltung und einem Jahreshaushalt im fünfstelligen Bereich. Die Dekoration des Ballsaals, die Kostüme der Garde und der Prinzenpaare, die Choreographie der Tänze und das sportliche Können der Tänzerinnen - das alles hat professionellen Zuschnitt. Und wer hier mitmacht, ist sich des Beifalls sicher.

Aber wie war das eigentlich früher? In einer Zeit, als für Überflüssiges kein Geld da war und die Sitten wesentlich strenger waren? Bei einem Traditionsverein wie der Ettrinarria, die kurz nach dem Krieg aus dem TSV heraus gegründet wurde, erinnern sich noch einige sehr lebhaft an die Anfänge des Faschings. Fünf ehemalige "Gardinchen" und ihre Trainerin Gigga Hakert, die ab 1967 jahrzehntelang die Garde trainierte, plauderten für die MZ-Leser aus dem Nähkästchen.
Die Lust am Fasching gehört zur Familientradition
Jede von ihnen stand vorübergehend an vorderster Front, bei einigen hat sich die Lust am Fasching gewissermaßen vererbt.
Edith Reiber (56) zum Beispiel: Sie war 1971 und 1972 Gardemädchen. Ihr Sohn Jürgen war später Prinz, Hofmarschall und eine Weile 2. Vorsitzender der Ettrinarria.
Marianne Wagner (50) - 1976 und 1977 bei der Garde, 1980 Prinzessin - hat jahrelang die Garde frisiert. Elisabeth Struck (67) tanzte 1960 mit. Die Älteste in der Runde, Wally Mayr (78), glänzte 1954 als Prinzessin, war danach Hofdame.
Bei Hildegard Blum (66) gehört der Fasching untrennbar zur Familie. Sie war 1968 bei der Garde und heiratete später den Prinzen Horst Blum; ihre Tochter Susanne - heute verheiratet mit Ettrinarria-Präsident Roland Doll - war Gardemädchen, Prinzessin und dann lange Jahre Trainerin.
Beine hochwerfen und "Ettrinarria hurra!"
Alle drei Blum-Enkelsöhne mischen aktiv mit, je nachdem als Mini-Prinzen, Hofmarschall oder Hofnarr. Kein Wunder - daheim war die Bude immer voll, da trainierten die Kleinen automatisch mit. Was sie mit der Muttermilch einsogen, war: Beine hoch und "Ettrinarria hurra!"
Die einzige Möglichkeit, den strengen Eltern zu entwischen
Dass junge Mädchen bei Gardetänzen mitmachen, war allerdings anno dazumal noch keineswegs allgemein akzeptiert. Die Eltern mussten oft mit Engelszungen überredet werden. Bedenken waren: "Die kurzen Röcke, das ist ja unanständig! Und abends noch spät unterwegs! Die Mädchen sind doch Freiwild!" Für das Jungvolk selber war die Garde die einzige und heißt ersehnte Möglichkeit, den strengen Blicken der Mütter zu entwischen.
Der Herr Pfarrer wollte verbieten, dass im Advent geprobt wurde. Die Röckchen wurden kurz vor dem Auftritt heimlich noch weiter gekürzt. Und wenn die Gardetänze in der Probenphase noch als skandalöse Aufreger galten - etwa ein Schleiertanz der Salome mit Glitzerstein im Bauchnabel oder ein Cancan - , dann strahlten nach der glänzenden Premiere schließlich doch alle stolzen Eltern.
Was allerdings damals gewagt war, würde heute kaum noch einen Hund hinterm Ofen vorlocken.
Zum MZ-Gespräch haben die Damen ihre alten Fotoalben mitgebracht. Sie blättern angeregt darin herum und rätseln über manchen Bildern: War das jetzt 1968 oder 69? Bin das wirklich ich - ach du lieber Himmel! Und diese Kostüme mit den Schleifen und den Federhüten, wisst ihr noch ...
"Es durfte ja nichts kosten", erinnern sie sich. "Wir haben alle Kostüme selber genäht, beim Reste-Maier dafür die billigsten Stoffe und Accessoires gekauft und im nächsten Fasching die Sachen geändert und umgefärbt, damit sie wieder anders aussahen."
Was heute die Ausstattung für ein einziges Gardemädel kostet, dafür wurde früher die ganze Truppe ausstaffiert. Schwarze Stiefel wurden mit lila Autolack besprüht, der nach jedem Auftritt abplatzte und erneuert werden musste. Beim nächsten Mal nahm man Silberbronze, die hielt besser.
Getanzt wurde auf Blasmusik, live natürlich: "Wenn sie falsch gespielt haben, haben wir sie recht geschimpft." Später hielt der Fortschritt Einzug, es gab Tonbänder.
Bei eisiger Kälte fror das Tonbandgerät ein
Gigga erzählt: "Irgendwann in den 70ern sollten wir in Lamerdingen auftreten. Wir waren immer in Privatwagen unterwegs, an einen Bus war damals noch nicht zu denken. Der Winter war eiskalt, nachts minus 20 Grad. Als wir in Lamerdingen das Tonbandgerät aus dem Kofferraum holten, war es eingefroren. Was tun?! Spontan bildete sich aus den Gästen eine Drei-Mann-Kapelle, wir tanzten mehr schlecht als recht darauf, aber grad nett war's!"
Die Ettringer Garde war heiß begehrt im ganzen Umkreis. Mindelheims Bürgermeister Strohmayer war einer ihrer Fans.
Ihren ersten "Nobelauftritt" hatten sie im Matzberger in Bad Wörishofen, und "die Kurgäste aus dem Rheinland waren von den Socken. Sie konnten es nicht fassen, dass es auch in Bayern so einen Fasching gibt!"
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