Montag, 26. Juni 2017

27. Oktober 2008 18:20 Uhr

Lange Wege für die Patienten der Zukunft

Mindelheim Die Menschen werden älter, aber irgendwann braucht ein Teil von ihnen ärztliche Hilfe. Heute noch können sie auf ihren Hausarzt oder auf ihren Facharzt in der Nähe zählen. Aber die Ärzteschaft kommt ins Alter. 57 Prozent der Hausärzte sind 50 Jahre und älter, und für viele Jüngere ist es offenbar nicht attraktiv genug, eine Praxis auf dem Land zu übernehmen.

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Lange Wege für die Patienten der Zukunft
Foto: ALFA

Auch die Kreiskliniken in Mindelheim und Ottobeuren stehen für den medizinischen Notfall bereit. Wird das aber so bleiben? Wo liegen die Gefahren für die medizinische Versorgung auf dem flachen Land? Mit diesem wichtigen Thema für die ländliche Entwicklung befasste sich eine Diskussionsrunde der SPD-Kreistagsfraktion im Hotel "Alte Post" in Mindelheim.

Der Abend begann mit einer Krankmeldung. Diskussionsleiter Bernd Schmeink musste die Absage von Jelia Teuchner, der gesundheitspolitischen Sprecherin der SPD-Landesgruppe Bayern im Bundestag vermelden. Teuchner ließ freilich schriftlich vermelden, dass zwei Dinge bereits auf den Weg gebracht worden seien, um die Situation auf dem Land zu verbessern: Ärzte können freiwillig bis 68 weitermachen und es soll finanzielle Anreize geben, wenn ein Arzt eine Praxis in einem unterversorgten Gebiet unterhält.

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Dass der Landkreis Unterallgäu nicht zu dieser Kategorie zählt, machte AOK-Direktorin Christine Kuhn-Fleuchaus deutlich. Dies gelte für Hausärzte ebenso wie für die Fachkollegen. Allerdings haben sich die Mediziner sehr ungleich verteilt mit einer Tendenz hin nach Memmingen.

Noch gibt es in Bayern 8000 Hausärzte, wusste Dr. Max Kaplan, Vizepräsident der Landesärztekammer und Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes. In zehn Jahren schätzen Fachleute, werden es 1000 weniger sein. Sie werden auf dem flachen Land fehlen.

Teams werden sich in Kleinzentren niederlassen

Den klassischen Landarzt werde es nicht mehr geben. Ärzte würden sich verstärkt in Teams zusammenschließen, um Beruf und Freizeit besser miteinander verbinden zu können. Diese Ärzteteams werden sich laut Kaplan eher in Kleinzentren niederlassen. Für die Patienten heißt das: die Wege werden länger.

Auch die Krankenhauslandschaft befindet sich im Umbruch. Klinikumsvorstand Alfons Hawner sagte, er arbeite seit 30 Jahren im Krankenhauswesen. Fünf Krankenhausreformen habe er in dieser Zeit erlebt. Und es werden wohl weitere kommen. "Nach der Reform ist vor der Reform", sagt Hawner.

Für die nächsten Jahre sei ein Sterben von Kliniken vorhergesagt. Schon jetzt befänden sich 41 Prozent der Krankenhäuser in finanzieller Schieflage. Ob es freilich die richtigen seien, die aufgeben müssten, sei die Frage. "Hier wird die Politik gegensteuern müssen, nicht dass plötzlich zwei, drei Landkreise von Kliniken leer geräumt sind", sagte Hawner.

Der Vorstand machte deutlich, unter welch wirtschaftlichem Druck sich die Krankenhäuser bereits seit vielen Jahren befinden. Für das Klinikum in Mindelheim sieht er keine weiteren wirtschaftlichen Reserven. Denkbar wäre allenfalls, noch enger mit dem Krankenhaus in Ottobeuren zusammenzuarbeiten. Die Budgets deckten schon seit vielen Jahren nicht mehr die tatsächlichen Kosten ab.

Verschärfen dürfte sich die Lage durch die Abrechnungspraxis nach Fallpauschalen. Je Krankheitsfall wird eine Summe abgerechnet. Der Gesetzgeber gewährt aber jenen Kliniken mehr Mittel, die je Krankheitsbild mehr Fälle bearbeiten. Die Folge liegt für Hawner auf der Hand. "Patienten werden fahren müssen: Fürs Knie nach Kaufbeuren, für die Geburt nach Augsburg, für die Stoma (künstlicher Darmausgang) nach Mindelheim". Die Kliniken im Allgäu werden sich ihre Nischen suchen müssen.

Memmingens AOK-Chefin Kuhn-Fleuchaus sagte, ihre Kasse nehme die ärztliche Versorgung auf dem flachen Land sehr ernst. Mit Hausarztverträgen sei es gelungen, den Hausärzten 21 Prozent höhere Vergütungen zu bezahlen. Die Versorgung hierzulande sei immer noch mit die beste weltweit. Kuhn-Fleuchaus kritisierte vor allem die Ausgaben für Arzneimittel in Höhe von 1,7 Milliarden Euro allein in Bayern. Dieser Betrag übersteige die Summe, der für die ärztliche Leistung bezahlt werde.

Kaplan wiederum wies auf den medizinischen Fortschritt hin. Für Krebs- oder Depressionspatienten seien oft sehr teure Medikamente notwendig. Einig waren sich alle, dass medizinische Versorgung teurer werde, mehr Geld müsse ins System.

In der Aussprache äußerten Ärzte Kritik: zu viel Bürokratie - etwa mit dem Eintreiben der Praxisgebühr. Auch sei die Bezahlung nicht lukrativ genug mit der Folge, dass ein Teil der gut ausgebildeten Mediziner ins Ausland gehe. 150 000 Euro kostet den Steuerzahler ein Medizin-Studienplatz, sagte Dr. Kaplan. 7000 ausgebildete Mediziner würden das Land pro Jahr verlassen.

"Kleiner Schatten" in den Beziehungen zum Krankenhaus

Vizelandrätin Heidi Zacher erkundigte sich, wie das Verhältnis von niedergelassenen Ärzten und dem Krankenhaus in Mindelheim verbessert werden könne. Dass das Haus auf Zuarbeit durch die Mediziner angewiesen sei, hatte Alfons Hawner unterstrichen. Der Vorstand räumte ein, dass ein "kleiner Schatten" auf den Beziehungen liege. Es sei wie in einer guten Ehe, da gebe es gute und auch mal schlechtere Tage. Auf Ursachen ging er nicht ein. Dass alle Partner möglichst gut zusammenarbeiten müssen, darin waren sich im Schlusswort alle einig. Kaplan regte Regionalkonferenzen an, in denen sich Ärzteschaft und Politik austauschen könnte.

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Ein Artikel von
Johann Stoll

Mindelheimer Zeitung
Ressort: Redaktionsleiter, Stadt Mindelheim

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