Bad Wörishofen Mit diesem Ansturm zur Podiumsdiskussion zum Titel "Abseits vom Gottesweg?: Glaube und Esoterik - Gegensatz oder Ergänzung?" hatte die evangelische Erlösergemeinde nicht gerechnet. Aufgestuhlt war im Gemeindesaal für 400 Personen, doch die Sitzplätze reichten bei weitem nicht. Das große Interesse zeigte zum einen, wie umstritten in der Kneippstadt der von Fernsehpfarrer Jürgen Fliege initiierte "Bad Wörishofener Herbst" ist, zum anderen aber sicher auch, wie jeder Einzelne auf der Suche nach Gott ist. Von barbara Knoll
Mit Schamanentrommeln begrüßte Moderator Manfred Gittel die Gäste und schon bei der Vorstellung der Podiumsteilnehmer stellten diese ihre unterschiedlichen Positionen mehr oder weniger deutlich klar. Jürgen Fliege will sich als "Lauscher" verstanden wissen, der Menschen Trost spendet, sie nicht alleine lässt und sie auch zu Schamanen begleitet.
Klar und mit Nachdruck bekannte sich Holetschek zum Glauben
Bürgermeister Klaus Holetschek hob die Gefährlichkeit so mancher "Seelenpfuscher" hervor und forderte ein Gesetz, das fragwürdige Machenschaften untersagt. "Mit dem Schicksal von Menschen darf kein Geschäft gemacht werden," so Holetschek. Sein Wertefundament beziehe er aus dem christlichen Glauben zudem er sich bekenne. "Auch im Bad Wörishofener Herbst müssen wir unsere Position klar formulieren, um das Image der Kneippstadt nicht zu schädigen," so seine Meinung.
Rudolf Forstmeier, Weltschauungsbeauftragter der evangelischen Kirche, stellte gleich klar fest, dass der esoterische Weg nicht der christliche Gottesweg sein kann. "Esoterik wird von anderen Quellen gespeist und das sage ich ohne Wertung," so Forstmeier. Generell käme es immer auf die Qualität der Lebenshilfe an. Nachweisbare Qualifikationen müssten gegeben sein, sonst wären die Angebote unseriös.
"Wenn es danach ging, hätte Jesus auch nicht heilen dürfen," warf Dr. Katharina Ceming, katholische Theologin, ein, die das Spannungsfeld Glaube und Esoterik wesentlich differenzierter sah. Die großen Kirchen dürften ihrer Meinung nach nicht vom hohen Ross herunter urteilen, sollten genauer hinschauen, warum ihre Interpretation der Bibel, das Lebensgefühl der Menschen heute nicht mehr treffe. Einige Gedankengänge der Esoterik seien durchaus interessant. "Wir müssen mehr Mut zur Pluralität haben und andere Antworten akzeptieren - Offenheit ist wichtig. Leben heißt auch wagen!" bilanzierte Ceming.
Pfarrerin Susanne Ohr unterstrich ihren christlichen Glauben, der sich deutlich von der Esoterik unterscheide. Gerne begegne sie in Bad Wörishofen Menschen mit ganz unterschiedlicher Prägung und ihr sei auch wichtig im Bad Wörishofener Herbst den christlichen Standpunkt besser zu positionieren.
Christine Höfig, freie Journalistin mit Schwerpunkt Esoterik und Schamanismus, sah hinter jeder Religion das Göttliche, es sei immer eine Sache der Definition. "Es gibt viele Wege zu Gott, jeder muss seinen eigenen Weg finden," urteilte sie.
Jürgen Fliege betonte, dass Pfarrer Sebastian Kneipp mit seiner Lehre in seiner Zeit in der Kirche auch stark angeeckt sei, ja sie ihn sogar feuern wollte. "Das war damals ein großer Skandal, Kneipp hat nur Glück gehabt, dass er den Papst heilen konnte," so Fliege bewusst provozierend. Auch den Umgang mit dem Tod und den Toten in den christlichen Kirchen kritisierte der Fernsehpfarrer immer wieder. "Wir müssen wieder lernen mit den Verstorbenen zu reden. Ich möchte, dass dieses Anliegen ernst genommen wird, die Toten spielen eine wichtige Rolle in unserem Leben," so Fliege. Er monierte weiter, dass die großen christlichen Gemeinschaften "Kirchen der Worte und nicht mehr Kirchen der Berührungen" seien. "Wir haben aber ein Recht auf Berührung, Berührung heilt," urteilte Fliege.
Den Nerv des Publikums traf Dr. Katharina Ceming, die immer wieder bei ihren Beiträgen lang anhaltenden Applaus bekam. "Wir müssen genau hinschauen, was die Menschen an der Esoterik anspricht und warum sie keine Heimat mehr in den großen christlichen Kirchen finden. Viel Müll gibt es auf beiden Seiten, doch unsere Kirchen müssen mehr Offenheit mitbringen, Scheuklappen ablegen und ernsthaft die Anliegen der Anderen anhören. Ich bin auch Wissenschaftlerin und die Zahlen belegen eindeutig, dass das Angebot der Kirchen heute nicht mehr wirklich gefragt ist," so Ceming. Jürgen Fliege unterstrich diese Meinung mit der Tatsache von 1000 Kirchenaustritten täglich.
Diese Aussagen riefen natürlich den Unmut der anwesenden Pfarrer hervor. Susanne Ohr ärgerte es, welches Bild von den Kirchen in der Öffentlichkeit und in der Diskussion immer wieder gezeichnet werde. Sehrwohl gehe sie täglich auf Menschen zu, nehme sich Zeit, sie anzuhören und tröste sie.
Auch durchaus kontroverse Publikumsdiskussion
Auch Pfarrer Rudolf Gaißmayer verteidigte seine Arbeit: "Wie sie Seelsorge (Aussagen Dr. Ceming und Fliege) schildern, ist von gestern. Ja glauben sie, wir gehen blind durch die Gegend? In den 42 Jahren meiner Tätigkeit habe ich immer versucht, die Fragen der Zeit zu beantworten. Ich konnte Trost spenden, Hoffnung wecken und Freude bringen und die katholischen Sakramente sind zärtliche Berührungen Gottes. Mein Glaube gibt mir geistige Heimat und dafür bin ich dankbar," so Gaißmayer, der auch den Papst zitierte: "Der Papst wurde einmal gefragt, wie viele Wege es zu Gott gibt und er antwortete, so viele wie es Menschen gibt!"
Bei der anschließenden Publikumsdiskussion vermissten die Redner in den christlichen Kirchen die Emotionalität. Bernhard Ledermann warf Jürgen Fliege vor, ein "schräges Kneippbild" zu haben. "Pfarrer Sebastian Kneipp ist in erster Linie immer Priester gewesen," stellte Ledermann klar, der auch deutlich auf ein aktives, katholisches Leben mit vollen Kirchen in Bad Wörishofen verwies.
Den Begriff "Freiheit" gerade im Bezug auf Glauben führte eine weitere Diskussionsteilnehmerin ein: "Es gibt eine ganze Welt von Glauben. Im Laufe meines Lebens, das mich in viele Länder geführt hat, habe ich auch falsche Erfahrungen gemacht. Doch auch diese haben mich weitergebracht und reifen lassen. Ich rufe auf, dass sich jeder die Freiheit nehmen soll, Erfahrungen zu sammeln, auf Menschen zuzugehen und sein Herz zu öffnen!"
Eine Entscheidung forderte abschließend Moderator Manfred Gittel. Es sei wichtig, sich auf dem christlichen Gottesweg zu bewegen, der die Esoterik ausschließe. Die Publikumsabstimmung zeigte abschließend jedoch, dass viele beides durchaus vereinbar sehen.
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