Mittwoch, 13. Dezember 2017

11. Oktober 2017 14:35 Uhr

Gesundheit

Schadstoffe in der Schulluft

Erhöhte Werte bei Formaldehyd und Radon in den Bad Wörishofer Werkräumen. Gutachter sieht Handlungsbedarf. Nun wird eine Lüftungsanlage eingebaut. Was Experten dazu sagen.

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Die Stadt Bad Wörishofen handelt nach einem baubiologischen Gutachten für die Pfarrer-Kneipp-Grund- und Mittelschule. Eine Lüftungsanlage bei den Werkräumen soll Abhilfe schaffen.
Foto: Markus Heinrich

Wenn Kinder an Bad Wörishofens Pfarrer-Kneipp-Grund- und Mittelschule in den Werkräumen basteln, atmen sie dabei auch Schadstoffe ein. Das hat ein baubiologisches Gutachten ergeben, dessen Erkenntnisse nun vorgestellt wurden. Festgestellt wurden „deutlich erhöhte“ Formaldehydkonzentrationen. Außerdem hat die Messung ergeben, dass sich auch das radioaktive Gas Radon in der Raumluft befindet. Auch PCB wurde festgestellt. Der Gutachter Arno Brida empfiehlt der Stadt Bad Wörishofen den Einbau einer Lüftungsanlage. Damit ließen sich die Werte etwa um die Hälfte senken. Weil in einem der untersuchten Räume ein Radonwert von 1100 Becquerel pro Kubikmeter festgestellt wurde, soll auch die Bodenplatte darunter untersucht werden. Solche erhöhte Konzentrationen deuten auf einen Schaden hin, durch den Radon ins Gebäude gelangen kann, so Brida. Der Stadtrat hat beide Maßnahmen nach einer längeren Debatte einstimmig beschlossen. Der Auftrag für die Lüftungsplanung ist bereits ergangen, es soll jetzt schnell gehen. Bis zur Entscheidung gab es aber noch Irritationen.

Gutachter Brida hatte zunächst eher allgemein über das Ergebnis der Untersuchung gesprochen, es gab auch keine Veranschaulichung. Grünen-Sprecherin Doris Hofer stellte dazu fest, dass es „offenbar eine Anweisung“ gebe, die Zahlen nicht zu nennen. Bürgermeister Paul Gruschka (FW) und Stadtbaumeister Roland Klier verneinten das sofort, die Zahlen wurden herausgesucht. Auf Nachfrage nannte Brida dann alle gemessenen Werte. Laut Klier wurden Werkräume und die Küche untersucht. „Etwas stärkere Auffälligkeiten“ bei Formaldehyd nannte Brida, da gebe es Sanierungsbedarf. PCB sei mit „sehr geringen Werten“ vertreten. Bei Radon gebe es „nennenswerte Konzentrationen, in einem Raum etwas herausragend“, dem Lagerraum. Insgesamt sei der Radonwert noch tolerierbar. Bei Formaldehyd gebe es Richtwerte, bei denen man „signifikant“ darüber liege, so Brida. Eine akute Gesundheitsgefahr bestehe aber nicht. Im Hinblick auf die Fürsorgepflicht sollte die Stadt aber handeln.

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Brida sagte aber auch, man habe unter Extrembedingungen gemessen, im Sommer, als tagelang nicht gelüftet wurde. In der Zeit waren aber auch keine Schüler im Gebäude. Die Formaldehyd-Konzentration sei typischerweise auf Ausdünstungen etwa aus Spanplatten zurückzuführen, sagte Brida auf Nachfrage von SPD-Fraktionssprecher Stefan Ibel. Es gehe auch ums Inventar der Räume. Zudem könne man es in Werkräumen kam vermeiden, dass da lösungsmittelhaltige Stoffe gelagert werden. Das PCB stamme „definitiv“ aus der Baumasse, etwa aus den Fugen. Andere Räume wurden bislang nicht untersucht, sagte Brida auf Nachfrage von FW-Fraktionssprecher Wolfgang Hützler. Man habe sich zunächst auf die als kritisch anzusehenden Werkräume konzentriert. Auslöser der Untersuchung seien vereinzelte Krankheitsfälle an der Schule gewesen, berichtete Bürgermeister Gruschka. „Wir wollten nachschauen, ob es da einen Zusammenhang gibt.“ Um welche Krankheiten es dabei geht, wollte Gruschka auf Nachfrage nicht sagen. Es seien aber durchaus sehr ernste Erkrankungen.

Der Radonwert beschäftigte Baureferent Wilfried Schreiber (FW). „Mit Radon in dieser Höhe ist nicht zu spaßen“, stellte er fest. Ein Riss in der Bodenplatte des Lagerraums, in dem er gemessen wurde, könnte die Ursache sein, so Brida.

„Dürfen wir die Kinder jetzt noch da runter schicken oder sollen wir warten, bis die Lüftungsanlage drin ist?“, wollte Christian Förch (CSU) wissen. Gutachter Brida sagte dazu, er tue sich schwer, die Räume als nicht betretbar zu klassifizieren, weil bei Messungen in Kinderzimmern oft höhere Werte aufträten. Zu Gesundheitsgefahren akuter Art müsse man allerdings einen Mediziner befragen. Allgemein könne man sagen, dass es Menschen gebe, die etwa besonders sensibel auf Formaldehyd reagieren. Zudem würde er „dringend“ eine Handlungsempfehlung für regelmäßiges Lüften anregen, so Brida. Konrad Hölzle (CSU) brachte dennoch eine vorübergehende Schließung der Räume ins Gespräch. „Da wären wir auf der sicheren Seite.“ Warum von der Schule niemand anwesend sei, wollte Stefan Ibel wissen. Bürgermeister Gruschka erklärte das mit einer eigenen Infoveranstaltung für Personal und Eltern, die anberaumt sei. Helmut Vater (SPD) erbat die genauen Werte schriftlich, was der Bürgermeister prüfen will. Dass es da nichts zu prüfen gebe, weil die Schule ein öffentliches Gebäude sei, stellte dazu Stefan Ibel fest.

Zweiter Bürgermeister Stefan Welzel (CSU) konstatierte, man sei „auf dem richtigen Weg“. Man sei der Pflicht zur Prüfung nachgekommen und nehme die Handlungsempfehlungen ernst. Alwin Götzfried (FW) äußerte die Befürchtung, man könne die Eltern mit dem Dargestellten eher verunsichern. Er hätte sich eine nichtöffentliche Information des Stadtrates gewünscht und danach eine Information der Elternschaft. Für Nichtöffentlichkeit gebe es keinen Grund, stellte Gruschka dazu fest. „Man muss hier ganz objektiv und sachlich informieren.“ Die Lüftungsanlage wird nach Lage der Dinge etwa 90000 Euro kosten. Im Haushalt ist diese Summe nicht vorhanden. „Das darf jetzt aber keine Rolle spielen“, sagte Gruschka. Man müsse eben an anderer Stelle einsparen. Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es in Deutschland keine verbindlichen Grenzwerte, etwa für Radon. Man arbeitet mit Referenzwerten, und über diese streiten sich die Experten. Im Juli erst haben sich die Bundesländer auf 300 Becquerel Radon pro Kubikmeter Raumluft als tolerabel geeinigt. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt dagegen 100 Becquerel, ebenso das Bundesamt für Strahlenschutz.

Auch der Radonexperte Professor Dr. Walter-Reinhold Uhlig vom Verein Kora ist für einen Wert von 100. „Da wäre ein erhöhtes Krebsrisiko nicht mehr nachweisbar.“ In Altbauten sei der allerdings nicht erreichbar, schränkt er im Gespräch mit unserer Zeitung ein.

Das ist die Gefahr, die von Radon ausgeht: Seine Zerfallsprodukte erhöhen das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, schildert Uhlig. In den Bad Wörishofer Räumen wurden Werte zumeist Werte zwischen 150 und 200 Becquerel gemessen, in einem Fall 70 in einem anderen 1100. Nach Auskunft des Umweltinstituts München liegen die Radon-Konzentrationen in deutschen Kellern im Mittel bei 60 Becquerel pro Kubikmeter. Die Wörishofer Werte seien „nicht ideal“, aber zunächst „nicht gefährlich für die Kinder“, sagt Uhlig. Es komme nämlich darauf an, wie lange man sich in den Räumen aufhält und wie oft gelüftet werde.

Idealerweise sollte man jetzt aber eine Langzeitmessung anschließen, per Dosimeter, am besten über ein Jahr, sagt Uhlig. Dann hätte man einen belastbaren Mittelwert. Diese Messung sei auch nicht teuer.

Uhlig rät auch zum Bau eines Radonbrunnens. Auf diese Weise könne per Unterdruck der Radongehalt der Luft um 80 bis 99 Prozent gesenkt werden. „Damit gibt es beste Erfahrungen“, sagt Uhlig.

Diese Werte wurden gemessen:

VOC (flüchtige organische Verbindungen wie Formaldehyd) je Raum: 706, 726,621,908 und 244 Mikrogramm/m³. Der zu erstrebenswerte Zielwert liegt hier laut Gutachter Arno Brida bei 300, der Einschreitwert bei 1000. Formaldehyd gilt als krebserregend.
PCB (Polychlorierte Biphenyle): 40, 120, 125 und 35 mcg/m³ je Raum; Zielwert: 200. Es handelt sich um Chlorverbindungen, die als giftig und krebsauslösend gelten.
Radon: 70, 150,160, 200 und 1100 Becquerel/m³ in den betroffenen Räumen. Zielwert laut Brida zwischen 200 und 400. Es handelt sich um radioaktives Gas, das als krebserregend gilt. (m.he)
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Ein Artikel von
Markus Heinrich

Mindelheimer Zeitung
Ressort: Bad Wörishofen Rundschau, K!ar.Text


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