Freitag, 19. September 2014

16. Juni 2009 04:45 Uhr

Seit 100 Jahren rollt die Eisenbahn durchs Mindeltal

Unterallgäu Im Jahr 2009 können wir im Unterallgäu auf ein Ereignis zurückblicken, das vor 100 Jahren eine ganze Region in einen Freudentaumel versetzt hatte. Die Lokalbahn von Mindelheim über Pfaffenhausen nach Kirchheim war im Frühjahr 1909 eröffnet worden. Sie brachte dem Mindel- und Flossachtal endlich einen Bahnanschluss. Von josef hölzle

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Seit 100 Jahren rollt die Eisenbahn durchs Mindeltal
Foto: ALFA

Die Freudenfeiern erreichten mit der "Inbetriebnahme" im April 1909 und mit der festlichen Eröffnung im Juli ihren Höhepunkt. Der Eisenbahnanschluss hatte für die betroffenen Gemeinden die Welt verändert, wurde doch aus deren Sicht Anschluss an die "große Welt" hergestellt.

Die große Freude bei den neuen Stationsgemeinden war seinerzeit verständlich. Man hatte endlich das angestrebte Ziel erreicht. Jahrelang hatten die Gemeinden verbissen um einen Bahnanschluss gekämpft und gestritten. Kommt die Bahn? Kommt sie von Türkheim durchs Flossachtal oder gar als "Schlangenlinie" ab Unterrammingen über Tussenhausen? Oder wird doch der direkte Weg von der Hauptbahn in Mindelheim über den wichtigen Markt Pfaffenhausen nach Kirchheim gesucht? Kirchheim stand als Zielbahnhof fest, weil dort Graf Fugger von Glött auf hohem Schloss residierte. Er hatte im Königreich Bayern als "erblicher Reichsrat" großen Einfluss.

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Genehmigung lag schon 1904 vor

So hatte der Vorsitzende des Ministerrats in München auch an Graf Fugger in Kirchheim geschrieben: "...dass ich den Lokalbahnwünschen, welche sich Euer Erlaucht Unterstützung erfreuen, nach wie vor meine vollste Bedachtnahme zuwende."

Die Freude in der Region war aber auch deswegen groß, weil man überhaupt noch eine Bahn bekommen hatte. Die Ära des Eisenbahnbaus war nämlich zur Jahrhundertwende um 1900 schon auslaufend und es gab genug Stimmen gegen neue Bahnlinien. Es galt die Meinung, dass schon genug Hauptbahnen vorhanden seien. Die Lokalbahnen hatte nur die Aufgabe, den Hauptbahnen und größeren Orten den Verkehr zuzuführen.

Die "Jubiläums-Lokalbahn" von Mindelheim über Nassenbeuren, Hausen, Pfaffenhausen, Bronnen, Bronnerlehe nach Kirchheim war bereits anno 1904 genehmigt worden. Im November 1907 begannen die Bauarbeiten, im April 1909 wurde der provisorische Betrieb aufgenommen und am 15. Juli 1909 war die "offizielle Inbetriebnahme".

Für die Gemeinden entlang der neuen Bahnlinie wurde der Traum von einer Eisenbahn erstmals am Ostersonntag, 11. April 1909 mit Lok und Wagen sichtbar. An diesem Tag wurde "der Betrieb für den Personen- und Güterverkehr in provisorischer Weise aufgenommen", wie es amtlich hieß. Über das Ereignis an Ostern berichtete die Zeitung unterm 15. April 1909 recht anschaulich: "Fürwahr, man hätte den Mindel- und Flossachtälern keine schönere Osterfreude bereiten können; endlich nach jahrelangem Warten sahen sie ihren Herzenswunsch, auch ein "Bähnle" zu besitzen, erfüllt. Ruhig, ohne Rütteln und Schütteln, dampft nun alltäglich viermal unser Zügle hin und her und wir sind zufrieden, endlich an diesem Zeitpunkt angelangt zu sein, denn es galt so manchen Strauß zu fechten, bis die verschiedenen Anschauungen und Meinungen wenigstens einigermaßen unter einen Hut gebracht waren; ...Möge nun auch die genehmigte Linie Pfaffenhausen - Krumbach bald in Bau genommen werden, dann sind wir einigermaßen jenem Projekte näher gekommen, dessen Ausführung in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts leider nicht zustande gekommen ist."

Im Juli 1909 folgte dem Provisorium vom April dann eine "offizielle Inbetriebnahme". Prinzregent Luitpold hatte sie zum 15. Juli 1909 genehmigt. Die Kinder entlang der Bahn zwischen Mindelheim und Kirchheim bekamen Freifahrten und wurden auch mit einem Imbiss

("20 Pfennig Wurst, 5 Pfennig Brot und nach Tunlichkeit Bier") bewirtet. Offizielle Delegationen bereisten in Zylindern die Strecke und auch die Geistlichkeit, das Lehrpersonal und die Gemeindebevollmächtigten durften die neue Bahn als Ehrengäste testen.

Danach zog rasch der Alltag auf der gut 16 Kilometer langen Lokalbahn ein. Das Zügle dampfte ein paar Mal am Tag das Mindeltal auf und ab. Es war ein sogenannter Dampfmotor mit zwei Achsen, also eine kleine Lok, die offiziell "Glaskasten" hieß, vom Volksmund aber "Kaffeemühle" genannt wurde. Mit ihren drei kleinen Wagen im Schlepptau erreichte sie eine Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h.

Die Inanspruchnahme war sehr groß. Allein im Jahr 1910 wurden exakt 88 669 Fahrscheine auf der Strecke Mindelheim - Kirchheim ausgegeben. Es wurden 26 000 Frachtbriefe ausgestellt, 19 000 Tonnen Güter abgefertigt und 115 016 Mark Verkehrseinnahmen abgerechnet. Der Tarif pro Person und Kilometer betrug damals in der dritten Wagenklasse zwei Pfennig.

Zum Mindelheimer Herbstmarkt 1909 beispielsweise wurde der "Kirchheimer Zug" gleich mit zwei Lokomotiven versehen, um ein "Steckenbleiben" zu verhindern. Am Abend, so ist überliefert, brachte er über 1100 Personen zurück nach Hause.

Schon das Jahr 1910 brachte der Region einen weiteren Fortschritt im Eisenbahnverkehr. Nach einjähriger Bauzeit war die Bahnlinie von Pfaffenhausen nach Krumbach fertiggestellt worden. Damit war eine durchgehende Bahnlinie von Günzburg über Pfaffenhausen nach Mindelheim geschaffen. Das neue Zwischenstück zwischen Pfaffenhausen und Krumbach wurde am 15. Dezember 1910 freigegeben. Infolge dieser durchgehenden Bahn nach Krumbach wurde die Bahnlinie von Pfaffenhausen nach Kirchheim zur Stichbahn, die dann später im Jahre 1966 wegen Unrentabilität stillgelegt wurde.

Während der Weltkriege war die Bahn aus dem Rhythmus

Ab dem Jahre 1910 schrieben also beide Routen mit einer Gabelung in Pfaffenhausen eine gemeinsame Geschichte. Zwei Kriegszeiten brachten auch die kleine Bahn aus dem Rhythmus. So wurde anno 1917/18 der Kirchheimer Zug ganz eingezogen. Erst 1920, zwei Jahre nach Kriegsende, normalisierte sich der Zugverkehr wieder.

Ähnlich war es zum Ende des 2. Weltkrieges 1945/46. Der Regel-Zugverkehr wurde eingestellt, dafür fuhren lange Züge mit deutschen Gefangenen in Richtung Krumbach durch. Im Oktober 1946 schreibt der Chronist in Pfaffenhausen: "Überlastung der Eisenbahn durch die Transporte von Kartoffeln, anderen Lebensmitteln und durch die endlosen Flüchtlingsverschiebungen. Lange Züge mit Heimkehrern, welche die Eisenbahnwagen mit Birkenzweigen schmückten". 1947: "Ausfälle an Zügen wegen Kohlenmangels. Stark überlastet, vor allem wegen der großen Zahl von Hamsterern".

Langsam normalisierte sich mit dem allgemeinen Leben auch der Zugbetrieb wieder. Doch die Zeit des allmählichen Rückzugs der Lokalbahn begann bereits 1953. Die kleine Lok wurde eingezogen und der Personenverkehr nach Kirchheim minimiert. Eine Zeit lang führte der Güterzug noch einen Personenwagen für die Schüler mit. Ab 1959 gab es keinen Personenverkehr mehr zum Fuggermarkt. Im Oktober 1966 wurde endgültig der Gesamtbetrieb auf der Stichbahn-Strecke Pfaffenhausen - Kirchheim eingestellt. Die Gleisanlagen wurden kurz darauf demontiert. Auf einem wesentlichen Teil der Bahntrasse wurde gut 10 Jahre später die Staatsstraße 2037 nach Kirchheim gebaut, die der Marktgemeinde Kirchheim und ihrer ganzen Umgebung verkehrstechnisch erhebliche Vorteile brachte und den Verlust der Bahn leicht vergessen ließ.

Doppeljubiläum in Pfaffenhausen, Hausen und Nassenbeuren

Der Markt Kirchheim kann also heuer die Erinnerung an die Eröffnung der Bahnlinie vor genau 100 Jahren feiern. Bahnstation und Endhaltestelle war Kirchheim nur 57 Jahre lang bis zum Herbst 1966. Pfaffenhausen und die Gemeinden Hausen und Nassenbeuren haben dagegen in diesem Jahr gleich doppelten Grund zu einer Jubiläumsfeier. Hier ist es ebenfalls die Erinnerung an die Bahneröffnung im Jahre 1909. Dazu kommt gleichzeitig die Freude, seit nunmehr 100 Jahren - und immer noch - einen Eisenbahnanschluss zu haben.

Dass es diese Bahnverbindung von Mindelheim über Pfaffenhausen nach Krumbach im Jahr 2009 noch gibt, ist nicht selbstverständlich. Immer wieder drohte die Stilllegung. Vom Jahre 1963 bis 1998 wurde die Strecke Breitenbrunn - Mindelheim durch das in Bedernau geförderte und in Breitenbrunn in Tankwagen verladene Erdöl aufgewertet und vor einer Schließung bewahrt.

Der allgemeine Güterverkehr ist seit 1997 auf der Strecke eingestellt und die Wirtschaftlichkeit des Personenverkehrs dürfte sicherlich grenzwertig sein.

Mittlerweile wurde die Strecke jedoch modernisiert, die Fahrzeiten wurden verkürzt und die Anbindung an die Hauptbahn in Mindelheim wurde verbessert. Jedenfalls ist gegenwärtig die Stilllegungsdiskussion abgeebbt. Im Jahr 2010 kann also das 100-jährige Bestehen der Bahnstrecke Pfaffenhausen - Krumbach gefeiert werden.

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