Ettringen Eine "Mahnwache" ruft bei aktionshungrigen Zeitgenossen wohl eher ein müdes Gähnen als leuchtende Augen hervor.
Dabei hat Reflexion in unserem vermeintlich über alle Zweifel fortschrittlich geprägten Leben einen berechtigten Platz: Das empfand jeder der knapp hundert Teilnehmer, die den Weg zur demonstrativen Besinnung vor der Myllykoski-Fabrik "Lang-Papier" in Ettringen am relativ warmen Freitagabend gefunden hatten.
Nur ein kleiner Teil der inzwischen 735 Mitglieder von den Landkreise übergreifenden Bürgerinitiativen hatte sich, mit Laternen, Lichtern und Fackeln gewappnet, um ein Wetterschutz bietendes offenes Zelt versammelt, unter dessen Dach Michael Günther, Maria Mayer-Günther (Geige, Flöte) und Irmgard Schorer ihren Gefühlen von Trauer angesichts der "unabsehbaren Folgen" des geplanten EBS-Kraftwerkes und der Hoffnung auf ein doch noch menschliches Miteinander von Industrieproduktion und Lebensqualität im ländlichen Raum musikalisch Ausdruck verliehen.
Dr. Hermann Fischer, sowie Dr. Joachim Herbold und seine Familie fanden dazwischen beschwörende Worte für ein gesellschaftliches Umdenken, für mehr Respekt vor den natürlichen Lebensgrundlagen und gegen ein Profitstreben um jeden Preis. Sie zitierten Texte von Erich Fried, der sich auch als Dichter politisch eingemischt hat, von Dorothee Sölle und Martin Luther King. Etwas von der Aufbruchstimmung nach der Präsidentschaftswahl aus den entfernten USA klang an, gemischt mit der Befürchtung, dass die Myllykoski-Verantwortlichen die wirklichen Sorgen der betroffenen Menschen auch in Zukunft nicht verstehen würden oder wollten. Neues sei von dort seit der Rücknahme des ersten Bauantrages im Mai nicht zu hören.
Niemand kam zur Podiumsdiskussion
Als "nichts Gutes verheißendes Zeichen" wird von der Bürgerinitiative gewertet, dass die Werksleitung sich dem direkten Dialog mit den Betroffenen seit dem Frühjahr entziehe. So folgte niemand aus der Chefetage von Lang-Papier der Einladung zur Podiumsdiskussion mit ausgewiesenen Experten in der Schwabmünchener Stadthalle am 15. September. Dort wären sie mit der unbequemen Aussage von Umwelt-Ingenieur Peter Gebhard konfrontiert gewesen: "Im Hinblick auf die Anlagensicherheit weist das Vorhaben erhebliche Risiken auf." (MZ berichtete).
Seine weiteren Ausführungen belegten, dass bei einem derart heterogenen Brennstoffmix, wie dem geplanten - Abfälle aus der eigenen Produktion, Kunststoffmüll und Klärschlamm - niemand genau vorhersagen könne, was als chemische Reaktionsprodukte aus dem Schornstein kommt.
Die Konsequenz zur Risikominimierung könne nur eine gleich aufwendige Abgasfilterung sein, wie sie bei öffentlichen Müllverbrennungsanlagen verlangt werde, so Peter Gebhard. Auf den Internetseiten der Papierfabrik Lang findet sich dazu der Satz: "Die Brennstoffe können in unterschiedlichen Anteilen am Gesamtbrennstoffeinsatz verwertet werden; somit ist eine konstante und ausreichende Brennstoffmenge gewährleistet." Die Qualitätsdefinition eben dieser Brennstoffe an anderer Stelle fällt dann eher vage aus: "Für die Prüfung der Brennstoffe wird ein Konzept erstellt, das mit den Behörden abgestimmt sein muss. In jedem Fall werden die Brennstoffe, die von extern angeliefert werden, mehrfach überprüft: einmal beim Lieferanten und einmal bei Lang Papier. Somit stellen wir sicher, dass die Grenzwerte stets sicher eingehalten werden."
"Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube" (Goethe, Faust), möchten die zur Mahnwache Versammelten der Werksleitung zurufen; doch ganz offensichtlich hört an diesem Abend niemand zu. So läutet Dr. Joachim Herbold eine Schweigeminute ein. Die Widersprüche unserer Zeit bewegen die Menschen offenkundig. Da ist die aktuelle Finanzkrise, die trotz sicher geglaubter Kontrolle durch eine Bundesbehörde (BaFin) nun das Gemeinwesen schwer belastet. Die Furcht geht um angesichts einer übermächtigen Wirtschaftslobby, die Verantwortlichkeit geschickt dem Zugriff entzieht, Arbeitsplätze als Faustpfand nutzt und Etikettenschwindel betreibt; die Gammelfleischskandale sind nicht vergessen. Vermutlich aus Angst um ihre wirtschaftliche Zukunft lassen sich Menschen instrumentalisieren.
So wurde in der Nacht vor der Mahnwache das Schild der Bürgerinitiative auf Ettringer Flur ein zweites Mal bereits umgesägt. Über die Frage nach den Beweggründen kann nur gemutmaßt werden: Regiert hier Verzweiflung wegen fehlender Argumente, oder suchen hier tumbe Zeitgenossen eine Eskalation?
Die Bürgerinitiative setzt auf sachliche Information und öffentliche Präsenz bei verschiedenen Anlässen. Unter anderem mit "Gesunden Wertachtalern"- selbst gebackene Plätzchen, ausschließlich mit Zutaten aus biologischem Anbau - macht sie auf Adventsveranstaltungen und auf dem noch recht jungen Türkheimer Biomarkt auf sich aufmerksam. Als nächste größere Veranstaltung steht am Freitag, 28. November, um 19.30 Uhr im Gasthof "Rosenbräu" in Türkheim der Vortrag "EBS-Kraftwerke - Müllverbrennung in neuem Gewand?" von Gernot Hartwig, Sprecher der Arbeitsgruppe Abfall beim Bund Naturschutz, auf dem Programm.
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