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22. Juni 2011 01:11 Uhr

Radsport

Anton ist nicht zu bremsen

Anton Schuster (22) nimmt als Rennfahrer bei den Special Olympics in Athen teil

Immer vorne weg: Seit Anton Schuster das Fahrradfahren gelernt hat, gibt es für ihn auf den Rennstrecken bei den Special Olympics kein Halten mehr.
Foto: Roland Pancke

Westernach Wenn Joachim Schuster über die Fahrradanfänge seines Sohnes Anton erzählt, fühlt man sich in die eigene Kindheit zurückversetzt: erst mit Stützrädern, dann ohne und die ersten Stürze, ehe man die Sache mit dem Gleichgewicht raushat und sicher im Sattel sitzt. Bei Anton war es, wie bei jedem Kind. Nur, dass Anton erst als Jugendlicher Radfahren lernte – und es bei ihm deutlich länger dauerte, bis er es konnte. Denn Anton ist geistig behindert.

„Irgendwann war er für das Dreirad zu groß, dann musste er quasi umsteigen“, erinnert sich Joachim Schuster. Es war ein quälend langes Üben, denn „das Treten hat nicht funktioniert“, so Joachim Schuster. Und das mit dem Gleichgewicht sowieso nicht. Doch dann hat es Anton gepackt – und seitdem gibt es kein Halten mehr. „Von dem Tag, als er radfahren konnte, wollte er nur noch raus“, sagt sein Vater. Anton selbst gibt zu, dass er nicht der Typ ist, „der ruhig herumsitzen“ kann. Das merkt man dem 22-Jährigen auch beim Interviewtermin an: Anton ist fast ständig in Bewegung: Ob er noch einen Kaffee machen soll? Ob er das Rad zeigen soll? Wo sind den die Unterlagen für die Athen-Reise?

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Das ist das Stichwort: Athen. In der griechischen Hauptstadt finden vom 25. Juni bis 4. Juli die Special Olympics statt – die Olympischen Spiele für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. Rund 7500 Athleten aus 185 Ländern werden hier in 22 Disziplinen ihre Besten suchen. Und Anton Schuster aus Westernach ist einer von ihnen. Er ist der einzige Radsportler aus Bayern, der in Athen die deutschen Farben vertritt.

Denn seit er 2004 in den Velo Club Mindelheim eingetreten ist, fährt Anton Schuster auch Rennen. Das ständige Training hat sich ausgezahlt. Dinge, die für einen Radrennfahrer von Beginn an selbstverständlich sind – das Klickpedal, die Gangschaltung oder auch einfach nur der Griff zur Wasserflasche während eines Rennens –, all das musste sich Anton mit eisernem Willen antrainieren. „Man muss das ständig wiederholen, und auch jetzt, wo er es schon beherrscht, muss er es immer wieder machen, sonst bildet er sich wieder zurück“, sagt sein Vater.

Deshalb ist sein Sohn beim Velo Club Mindelheim bestens aufgehoben, denn Vorbehalte gibt es hier keine. Im Gegenteil: Seit 2008 gibt es ein spezielles Programm beim VC Mindelheim, das behinderte Rennfahrer fördert. Das zahlt sich aus, denn immer öfter gewinnt Anton auch. Im vergangenen Jahr holte er sich zwei deutsche Meistertitel bei den Nationalen Special Olympics in Bremen. „Da ist er wie entfesselt gefahren“, weiß sein Vater Joachim noch. Vor allem die langen Strecken, die Straßenrennen über zehn und 25 Kilometer liegen dem kräftigen Burschen. Vier Starts hat er bei den Special Olympics in Athen vor Augen: das Zeitfahren über 10 km und die beiden Straßenrennen über 15 und 40 km.

Auf einer Karte vom Großraum Athen zeigt Anton die Radstrecke. Er freut sich riesig auf diese Reise, auf den Einmarsch in das altehrwürdige Panathinaiko-Stadion, immerhin das Olympiastadion der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896. Hier ließen sich 2004 Otto Rehhagel und die griechischen Fußballer für den EM-Titel feiern. Das weiß Anton nicht. Dafür weiß er, dass Athen am Meer liegt, genauer gesagt, am Mittelmeer. „Überall da, wo blau ist, ist das Meer“, sagt er mit glänzenden Augen und streicht über die Landkarte.

Die Badehose ist auch im Gepäck

Ob er während der Special Olympics überhaupt Zeit für einen Ausflug an den Strand hat? „Ja klar“, sagt Anton. Die Badehose hat er schon eingepackt. Schließlich geht es nicht nur um Siege. In erster Linie ist es für Anton eine Gelegenheit, andere Sportler kennenzulernen. „Die deutschen Sportler habe ich schon getroffen“, sagt er.

Denn vor rund vier Wochen traf sich der deutsche Special-Olympics-Kader und sämtliche Trainer und Betreuer in Gotha (Thüringen) zu einer Art Vorbereitungslager. Schließlich ist es für Menschen wie Anton nicht leicht, in ein fremdes Land und dann auch noch gleichzeitig mit einer fremden Gruppe zu verreisen. „Wir sind schon eine lustige Truppe“, sagt Anton, der jedoch nicht komplett auf familiären Beistand verzichten muss. Denn seine Eltern werden ebenfalls in Athen sein. „Zwei Wochen ohne Eltern wäre für Anton schwierig“, sagt sein Vater Joachim.

Kürzlich ist Anton bei den bayerischen Special Olympics angetreten. Im ersten Rennen hat er die Qualifikation für die Leistungsklasse 1 verpasst, musste damit in der niedrigeren Klasse antreten. Statt zehn Kilometern durfte er nur fünf fahren. Dieses Rennen gewann er souverän. „Es ist immer ein Auf und Ab. Man kann nie wissen, wie ein Rennen läuft“, sagt Joachim Schuster. Auch in Athen nicht. Er könnte Letzter werden oder eine Medaille holen. Doch bei einer Sache ist sich Anton sicher: „Ich komme normal heim.“

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