Mittwoch, 28. September 2016

24. Januar 2012 11:01 Uhr

Jüdische Gemeinde

74 Jahre nach der Zerstörung: Ulm bekommt eine neue Synagoge

In der Reichspogromnacht haben die Nationalsozialisten die Synagoge in Ulm geschändet und zerstört. Jetzt entsteht im Weinhof ein neues Zuhause für die jüdische Gemeinde.

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Ein Loch klafft auf der Mitte des Ulmer Weinhofs. Bauarbeiter befestigen Wände auf der Bodenplatte. Mittendrin begutachtet Rabbiner Shneur Trebnik den Fortgang. «Wir bauen gerade die Mikwe. Dabei geht es um viele kleine Bauteile - das ist recht kompliziert», sagt der 36-Jährige. Die kubische neue Synagoge soll einmal Platz für den eigentlichen Gebetsraum, einen Gemeindesaal, einen Kindergarten und eben für die rituelle Reinigung in der Mikwe bieten.

Diese Mikwe wird ein Tauchbad, das jüdische Frauen traditionell vor der Hochzeit benutzen, das aber auch Männern zu bestimmten Zeiten offensteht. Die drei Becken, die in Beton gegossen werden, werden nicht einfach per Wasserleitung gefüllt - sondern ausschließlich mit natürlichem Wasser, in diesem Fall Regenwasser.

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Denn so ist es vorgeschrieben. Und damit nicht genug: «Beim Herunterfließen in einen Auffangbehälter im Untergeschoss darf es kein Metall oder einen anderen nichtnatürlichen Stoff berühren. Kunststoff geht ausnahmsweise, aber Eisen oder Kupferblech nicht.»

Experten aus den USA für den Bau geholt

Trebnik hat für den Synagogenbau Expertise aus den USA geholt. Rabbiner Elozor Raichik, ebenfalls schwer auf der Baustelle beschäftigt, hat in seinem Leben schon rund 120 Neubauten solcher Bäder begleitet. «Das ist meine erste in Deutschland. Das ist natürlich eine ganz besondere Aufgabe», sagt er. Für den Ulmer Rabbiner ist es sogar die erste Baustelle seines Lebens, die er von Beginn an miterlebt. Synagogenbau Expertise aus den USA

So wie beim Bau der Mikwe geht es aus Sicht Trebniks auch bei den übrigen Bauarbeiten voran. Vergessen sind Bedenken über Zeitplan und Kostenrahmen - auch wenn am neuen Gotteshaus nur von montags bis freitags gebaut wird. Wenn das Untergeschoss fertiggestellt ist, folgt mit dem Erdgeschoss das Herz von Ulms neuer Synagoge, der Gebetssaal.

Klappt es mit einer Fertigstellung bis zum Herbst, wie geplant? Trebnik will sich nicht festlegen. «Ich gehe davon aus, dass wir vor der Sommerpause ein Datum haben werden. Dann können wir das besser einschätzen», sagt der 36-Jährige gebürtige Israeli. Wichtiger als der Termin sei das Signal des Neubaus für die junge Generation: «Ich glaube, dass sich vor allem die jungen Leute über den Bau freuen», betont er. «Studenten oder Schüler haben bisher kaum eine Möglichkeit, sich in den Gemeinderäumen zu treffen. Sie suchen sich dann andere Plätze.»

Finanzierung: Es gibt keinen Cent mehr

Barbara Traub, die Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW), war durchweg optimistisch, was die Finanzierung der 4,5 Millionen Euro Gesamtkosten anging. Trebnik sagt, der Kostenrahmen sei eindeutig: «Wir wussten von Anfang an, dass das auch ein Risiko ist. Aber wir haben auch bei der Ausschreibung den Unternehmen gesagt: »Das ist die Fixsumme, wir haben keinen Cent mehr zur Verfügung.»» Allerdings werbe er weiterhin für Spenden. Denn zwei Millionen Euro der Bausumme werden über ein Darlehen lediglich zwischenfinanziert.

Mitte März 2011 war der erste Spatenstich für den Neubau gesetzt worden. Er entsteht fast genau an der Stelle, wo bis zur Pogromnacht 1938  die alte Ulmer Synagoge gestanden hatte. «Es ist ein Glücksfall für die Stadt Ulm, dass die Synagoge wieder an diesen zentralen Ort zurückkehrt», sagt Trebnik. Das erfahre er auch von den meisten Passanten: «90 Prozent der Menschen, die ich hier an der Baustelle treffe, freuen sich über den Bau.» AZ, dpa

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