Sonntag, 26. Mai 2013

03. Mai 2012 08:58 Uhr

Ulm

Angst vor dem „Sterben auf Raten“

Warnstreiks bei Evobus und Iveco. Die Verhandlungen mit Daimler sind am Scheidepunkt

Neu-Ulm/Ulm 1400 Menschen demonstrierten nach Gewerkschaftsangaben gestern vor Werk 5 bei Evobus für ihre Forderungen zu den laufenden Tarifverhandlungen. Überschattet wird der Arbeitskampf von aktuellen Problemlagen bei den beiden regionalen Traditionsunternehmen Evobus und Iveco.

Während seitens der Daimler-Bussparte die Einsparung von etwa 1000 Stellen an den Standorten Neu-Ulm und Mannheim bereits eine beschlossene Sache zu sein scheint, ziehen nun auch dunkle Wolken über Iveco auf. „Es gibt eine ganz konkrete Bedrohungslage“, sagte Wilfried Schmid, Iveco-Betriebsrat, der befürchtet, dass bald auch der zweite traditionsreiche Ulmer Fahrzeugbauer Federn lassen muss. Schmid: „Mit jedem Job verlieren wir ein Stück Zukunft.“

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Während bei Iveco die Jobangst den 2000 Mitarbeitern erst reichlich unkonkret im Nacken sitzt, befinden sich die 3750 Evobus-Beschäftigten mitten im Kampf gegen einen ganz realen Jobabbau. 2000 von ihnen legten gestern nach Gewerkschaftsangaben die Arbeit nieder. „Seit es die Evobus gibt, haben wir laufend etwas hergeben müssen“, beklagte Friedrich Beck, der Betriebsratsvorsitzende. Es sei kein Widerspruch, für höhere Löhne zu demonstrieren, während der Konzern zur Erreichung einer Zielrendite von sechs Prozent 1000 Stellen kappen will. „Wir brauchen die Leute.“ Wenn die in Neu-Ulm entwickelte neue Modellpalette demnächst auf den Markt kommt, werde auch der Ertrag wieder steigen.

Eine von der Geschäftsführung geforderte unbezahlte Arbeitszeitverlängerung zur Personalkostensenkung werde der Betriebsrat so wie andere Einschnitte in den Tarifvertrag nicht akzeptieren. „Daimler will die Wurzel ausreißen, die Evobus stark gemacht hat“, sagte Reinhold Riebl, 1. Bevollmächtigter der Industriegewerkschaft (IG) Metall Ulm. Wie Betriebsratschef Beck sagte, befinden sich die Verhandlungen am Scheidepunkt. Wenn auch die Verlagerung der Fabrikationslinien des Reisebusses Travego in die Türkei wohl unausweichlich ist, so bestehe die Möglichkeit, stattdessen andere (ungenannte) Produktionsschritte zurückzuholen. Zudem fordert der Betriebsrat in der nächsten Verhandlungsrunde am Freitag „klare Zusagen“ über die Setra-Zukunft von der Führung um Buschef Hartmut Schick. Und keine Umstrukturierung, die letztlich ein „Sterben auf Raten“ des Standorts Neu-Ulms zugunsten von Busfabriken mit niedrigeren Arbeitskosten sein könnte.

Unabhängig von den Sparplänen bei Evobus stehen die Zeichen auf Streik. „Wir bereiten uns auf die Urabstimmung vor“, sagte Hans-Jörg Müller, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Evobus und Mitglied der Tarifkommission. Die Arbeitgeber hätten lediglich ein „Alibi-Angebot“ vorgelegt und würden sich um klare Spielregeln in Sachen Leiharbeit drücken. „Etliche“ der 200 Leiharbeiter bei Evobus wären schon länger als ein Jahr im Betrieb. „Das hat nichts mit Flexibilität zu tun.“ Stattdessen wollten die Arbeitgeber am liebsten nur noch „Wanderhuren statt Stammbelegschaft“.

Dreist nannte Petra Wassermann, Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Ulm, das Angebot der Arbeitgeber. Anstatt die Belegschaft „angemessen“ an den wirtschaftlichen Erfolgen zu beteiligen und aktiv gegen den Fachkräftemangel vorzugehen, spielten die Konzerne „Jo-Jo“ mit verunsicherten Menschen. Es gehe nicht nur um Geld. „Wir wollen den Beschäftigten auch ein Stück Würde ihrer geleisteten Arbeit zurückgeben.“

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