Mittwoch, 19. Juni 2013

08. Mai 2012 12:10 Uhr

Tag der Ausbildung

Den Besten wird der rote Teppich ausgerollt

Fast doppelt so viele freie Plätze wie Bewerber. Regionale Initiative gegen den Fachkräftemangel Von Dagmar Hub

Ulm „Wir leiden unter der Überschrift der letzten 15 bis 20 Jahre: ,Mach im Zweifel an der Schule weiter’“, sagt Dr. Tobias Mehlich, Geschäftsführer der Handelskammer Ulm. „Diese Losung aus der Zeit der Arbeitslosigkeit müssen wir kaputtmachen, wenn wir den jungen Leuten heute etwas Gutes tun wollen.“ Deswegen, so Mehlich, müssten „die ganzen Warte-Schulen“ auf den Prüfstand und deren Fragestellungen in die Hauptschulen und weiterführenden Schulen gezogen werden.

Zum gestrigen „Tag der Ausbildung“ informierten die Ulmer Agentur für Arbeit, die Industrie- und Handelskammer (IHK) und die Handwerkskammer über die Situation für junge Leute, die einen Ausbildungsplatz in Ulm und der Region suchen. Einen massiven Fachkräftemangel im mittleren Qualifikationsniveau prognostiziert IHK-Geschäftsführer Andreas Dzionara für die Zukunft. Bereits im vergangenen Halbjahr wies die Statistik einen Rückgang der Bewerber um einen Ausbildungsplatz um 16 Prozent aus, die Zahl der Bewerber aus Hauptschulen ist um 38 Prozent rückläufig. Das Verhältnis freier Ausbildungsplätze zur Zahl der Bewerber liegt bei fast 2:1. Auch die Quote von Realschulabsolventen, die in eine Ausbildung eintreten, sei viel zu niedrig. „Wer genau weiß, was er studieren will, soll selbstverständlich Abitur machen“, sagt Dzionara. „Wer es aber nicht weiß, ist mit einer Ausbildung gut beraten.“ „Unser Ziel muss es sein, möglichst viele Ausbildungsplatzsuchende in freie Ausbildungsstellen zu vermitteln“, sagt Peter Rasmussen, der neue Vorsitzende der Geschäftsführung der Ulmer Agentur für Arbeit. „Wir können es uns nicht leisten, so viele Jugendliche wie früher durchs Raster fallen zu lassen. Das Potenzial auch der Jugendlichen mit Migrationshintergrund muss genutzt werden.“

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Andreas Dzionara appelliert an die Betriebe, frühzeitig Ausbildungsstellen in den etwa 350 in Deutschland anerkannten Ausbildungsberufen zu melden. „Man muss den Jugendlichen die Angst vor der Zukunft nehmen. Die Chancen sind derzeit grandios, den Besten wird überall der rote Teppich ausgerollt.“ Und die Chancen gerade für Auszubildende mit mittlerem Abschluss würden in den nächsten Jahren noch besser werden, prophezeit er.

Auch spezielle Projekte für türkische Familien

Ein gravierendes Problem stellen kulturelle Besonderheiten dar: Ein Beruf, der im Herkunftsland der Eltern eines Jugendlichen hoch angesehen ist, mag in Deutschland geringe Chancen bieten. Andererseits werden gerade in der Alten- und Demenzpflege dringend junge Menschen mit Migrationshintergrund gesucht, weil auch in den Pflegeheimen zunehmend Migranten leben. Pflegeberufe sind aber beispielsweise in der Türkei schlecht angesehen. Hier sei es wichtig, so Peter Rasmussen, auch die Eltern der Schüler zu erreichen. Aus seiner Zeit als Geschäftsführer der Memminger Agentur für Arbeit kennt er Projekte, über die türkische Familien in den Moscheen und über Imame erreicht wurden und sich so für neue Möglichkeiten und Ausbildungschancen ihrer Kinder interessierten. (köd)

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