Pater Stefan Kling aus Roggenburg führt durch den Landkreis auf der Suche nach den tollsten Tönen in Kirchtürmen.

Von Manfred Deger Roggenburg Einst warnten sie vor Feuersbrunst und Pestilenz, kündigten Freund und Feind an und bis heute begleiten sie die Toten auf ihrem letzten Weg: Seit Jahrhunderten erheben Kirchenglocken ihre Stimme im Sturm der Zeit. Am Wochenende ließen sie die Menschen in Roggenburg, Bellenberg, Illertissen, Mindelheim und Hohenraunau aufhorchen, weil ihr Geläut außerhalb der gewohnten Zeiten über die Häuser schallte. Doch es war weder Gefahr im Verzug noch wurde ein Feiertag eingeläutet: Roggenburgs Pater Stefan Kling, Glockensachverständiger der Diözese, war mit etwa 40 Gästen in Türmen und Museen auf „Glockentour“. Schon vor Jahrtausenden gehörten in China und Ägypten Glocken zum Alltag. Erst vor 1300 Jahren läutete es auch in der Region: „Die erste Kirchenglocke Europas schlug in Murnau“, berichtete Pater Stefan. Und fügte hinzu: „Sie ist aus Blech und hängt heute noch in der dortigen Kirche.“ In der Roggenburger Klosterkirche konnte man die beiden, erst vor einem Jahr geweihten „Cimbelglöckchen“ sehen und hören, welche die Chorherren drei Mal täglich mit silberner Stimme zum Chorgebet rufen. Nacheinander stimmten ihre sieben bis zu 500 Jahre alten, großen Schwestern in den Chor ein, bis alle neun Glocken über Roggenburg ein strahlendes „Festgeläute“ erschallen ließen. Dank moderner Technik können die Glocken je nach Anlass in unterschiedlicher Reihenfolge erklingen: per Knopfdruck. Früher waren mehrere Männer nötig, um die großen Glocken per Hand zum Schwingen zu bringen. Wie schwer das ist, erfuhren die Teilnehmer der Glockenfahrt in der Bellenberger Kirche „St. Peter und Paul“. Drei Glockenstränge führen zum Turm hinauf und zogen Kinder wie Erwachsene mit Leichtigkeit in die Höhe, wenn sie den Rhythmus der Glocken nicht fanden. „Wenn nur einer zum Läuten da war, musste er alle Drei gleichzeitig bedienen“, erläuterte Pater Stefan und demonstrierte tatkräftig, wie das geht. Mozarts Zauberflöte auf dem Carillon gespielt Danach ging es nach Illertissen, wo das „Konzertcarillon“, ein Wunderwerk aus 49 Glocken, von Schwabens einzigem Carilloneur Lothar Damm mit Mozarts Zauberflöte zu erleben waren. Die 1180 Kilogramm schwere „Christkönigsglocke“ im Illertissener Kirchturm verabschiedete die Gäste. Weiter ging es ins Turmuhrenmuseum Mindelheim. Dort zeigen auf mehreren Stockwerken Uhren und ein 26 Meter langes Uhrenpendel die Zeit. Das größte, frei stehende Geläut Deutschlands war in dem Krumbacher Stadtteil Hohenraunau zu sehen – und zu hören. Es befindet sich in einem Gerüst aus ehemaligen Bahnschienen. Jeden Samstag um 18 Uhr, sowie an Festtagen und an Silvester verkünden die sechs Stahlgussglocken fünf Minuten lang einen kleineren oder größeren Zeitsprung. Die Tour endete wo sie begonnen hatte, im Kloster Roggenburg und dessen neun klingenden Schwestern im Turm der Klosterkirche.
Jetzt bestellen! Das neue iPad inkl. e-Paper.|
|
Artikel kommentieren