Nicht seine Feuer-, sondern regelrechte Wassertaufe hat das "Dentler-Orakel am Schwörmontag bestanden. Garniert von Brass-Klängen der "Trötenwahn"-Band, hat die Dentler-Familie - wie ihr vielköpfiges Publikum - dem Prasselregen getrotzt und die lieb gewordenen Tradition der Thronrede des im letzten Jahr wenige Wochen nach seinem 20. Publikumsspiels gestorbenen "Rex Rudolphus" auf neue, publikumswirksame Art fortgeführt.

Mit Tuba und Trompeten gegen den Regen
Knappe Stunde vor 21 Uhr: Ein gewaltiger Wolkenbruch setzt das "Sakramentsplätzle" bei der Goldschmiede im Fischerviertel unter Wasser. Es droht Abbruch der Veranstaltung, die sich viele Schwörmontagsgänger in ihren Terminkalender eingetragen haben. Doch die Dentlers lassen's drauf ankommen. Tatsächlich: 20 vor Neun hört der Regen auf. Das schirmbewehrte Publikum sammelt sich erwartungsvoll ums geschäftige Treiben der Organisatoren bis zehn nach Neun. Da öffnet dieser Himmel wieder seine Schleusen. Doch "Trötenwahn", urgewaltige Brass und Chaosband, hält zum Auftakt des Spektakels mit Tuba Trompeten dagegen, sodass der strömende Regen zum Orakel eigentlich schon dazugehört wie die Regenmacher zu ihrem Mythos.
"Erkenne Dich selbst" wird zum Wahlspruch des Publikums, das vielstimmig skandiert: "Du bist"! Gisela Dentler erwärmt Schaulustige und "Adepten" mit einführenden Worten, die eine 20-jährige Tradition zum 21. Mal an alter Stätte mit neuem Sinn vermitteln: Das Orakel wird von luftiger Höh´ auf die Fragen des Publikums mit Merksätzen von Rudolf Dentler antworten. Das stiftet rätselhafte, zu entschlüsselnde Botschaften nach dem großen, antiken Vorbild des Orakels von Delphi, aber auch so manche Verwirrung. Weißgekleidet, mit güldenem Haarband dekorativ nach klassischem Vorbild geschmückt, besteigt Ira Dentler, die Tochter, barfuß und am Leitersockel von zwei Bergsteigern abgesichert, den Thron ihres Vaters an der Außenwand der Goldschmiede-Galerie. Doch sie klettert wieder herab, setzt aufs Neue an und sitzt endlich ganz oben, ohne Leselampe, mit dem Gesicht zum Publikum auf ihrem tropfnassen Hochsitz.
Die Antwort auf die Frage nach der moralischen Maxime von Ulm geht hochpoetisch im Sein des Trommelregen unter. Die Äpfel vom Nachbarn schmecken bekanntlich besser als die eigenen. Klarsichtig (als größte Tugend) erscheint der Merkspruch, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ja, Ira ist heil auf der Erde angekommen, Biberacher Breakdance-Kids wirbeln durch die Pfützen. Wolfgang Frauendorf, bis auf die Haut durchnässt, verleiht "Mutter Theaterfoyer" Brigitte Zugmaier den Ehrenring mit goldenem Kreuz. Nein, das Dentler-Orakel ist nicht ins Wasser gefallen. Es hat nur - hoffentlich klärenden - Regen mitgebracht.
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