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27. Januar 2012 18:22 Uhr

Theater Ulm

Der Feldmarschall und die Frage der Ehre

Mit "Rommel - ein deutscher General" wagt sich das Theater Ulm an ein Stück auch regionaler Historie - und zeigt den umstrittenen Feldherren in all seiner Zerrissenheit. Von Dagmar Hub

Ulm. Gegen aufkommenden Bittermandelgeschmack im Mund gab es vorweg Malzbonbons. Der Geschmack von Bittermandel – Blausäure – zieht als düstere Vorahnung durch einen Traum Erwin Rommels, der Geschmack des Todes. Wo anders als in Ulm, wo der Selbstmord von Generalfeldmarschall Erwin Rommel erzwungen und mit einem Staatsbegräbnis übertüncht wurde, hätte das Stück „Rommel – ein deutscher General“ mit plausiblerem Ortsbezug geschrieben und uraufgeführt werden können? Michael Sommer, Dramaturg am Theater Ulm, und der Regisseur Stephan Suschke schufen jedoch weder ein weiteres Mosaikteilchen zum Mythos Rommel noch eine Chronik von dessen letzten 24 Stunden; sie schrieben eine deutsche antike Tragödie, die das Geschehen auf der Bühne (Bühnenbild Momme Röhrbein) von dokumentarischen Ansprüchen abgrenzt und zur exemplarischen Auseinandersetzung mit einem der wohl umstrittensten und missbrauchtesten deutschen Worte, dem der „Ehre“, macht.

Ein Konflikt, der nur noch eine Lösung kennt „Der ehrenvolle Weg ist stets der rechte“, lassen Sommer/Suschke Erwin Rommel sagen. Die Frage, ob der „Wüstenfuchs“ Täter oder Opfer war, stellt sich nicht. Der Soldat und Mensch Rommel ist beides; er scheitert am Begriff der Ehre, weil sie für ihn untrennbar mit dem Treueeid auf den Führer verbunden ist. Suschkes Inszenierung stellt den desillusionierten Generalfeldmarschall zwischen seinen Treueschwur und die bittere Erkenntnis der Ausweglosigkeit, zwischen seine militärischen Ideale, sein Anerkennungsstreben und den bedingungslosen Führerglauben seiner Frau Lucie. Gunther Nickles verkörpert den der Mitwisserschaft am Hitler-Attentat des 20. Juli 1944 beschuldigten Rommel als unpolitischen General und gebrochenen Menschen.

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Neben Nickles brilliert Ulla Willick in einer Doppelrolle von gespenstischer Tragweite: Es ist ein Wagnis, die in Deutschland kaum realistisch zu verkörpernde Figur Adolf Hitlers von einer Frau darstellen zu lassen – doch das Experiment geht in der erschreckenden Ähnlichkeit von Gestus, Habitus und Sprechweise und frei von Karikatur auf. Der Geist der ermordeten Jüdin Wie ein aus Nekrophilie gezeugter Geist bewegt sich Willick andererseits als Seele der in Auschwitz Tage vor Rommels Selbstmord vergasten Ulmer Jüdin Fanny Hedwig Ury in Rommels Herrlinger Heim. Im Haus, in dem Erwin Rommel mit seiner Familie (Christl Mayr als in einer Männerwelt zum Warten gezwungene Ehefrau, Max Rechtsteiner als aufsässiger und zur SS drängender Sohn Manfred) lebt, war bis 1942 ein jüdisches Zwangsaltersheim untergebracht, in dem Ury arbeitete. Aus den letzten Minuten und Sekunden der im blausäurehaltigen Zyklon B Sterbenden entlässt die unbarmherzige Energie Willicks das Publikum nicht.

Träume und Rückblenden auf Begegnungen Rommels mit dem Führer und mit dem Widerständigen Caesar von Hofacker (Wilhelm Schlotterer), auf den Entschluss, entgegen Hitlers Befehl den Rückzug bei El Alamein fortzusetzen, schieben sich in die letzten 24 Stunden Rommels. Das Ende, die Zyankali-Kapsel, die Lucie Rommel und den Sohn schützt, ihnen die Generalspension und Rommel ein Staatsbegräbnis sichert, kommt rasch; ein scharfer Epilog zeigt General Speidels Verklärung Rommels in der wiederbewaffneten jungen Bundesrepublik. Ein starkes Stück, ein wichtiges Stück; der Bittermandelgeschmack bleibt.

Nächste Aufführungen am 28. Januar sowie am 3., 4., 8., 10., 12. Februar. Ein umfangreiches Beiprogramm bietet Dokumente, Diskussionen und eine Exkursion.

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