Immer mehr internationale Besucher in der Münsterstadt. Reisende aus Asien oder Südamerika sind dabei längst keine Seltenheit mehr
Ulm Großes Stimmengewirr herrscht in der Touristen-Information Ulm/Neu-Ulm am Münsterplatz. Fetzen von Deutsch, Englisch und Italienisch schweben durch den mit wartenden Touristen gefüllten Eingangsbereich, ab und zu mischt sich eine russische Stimme darunter. An Kerstin Hampels Arbeitsplatz geht es international zu. „Wir haben hier eigentlich alles, von Deutschen über Spanier bis Japaner“, berichtet die Leiterin der Touristen-Information Ulm/Neu-Ulm, als sie zwischen Anfragen nach Leihrädern und Stadtplänen einen kleinen Moment Zeit findet. „Ulm ist ein beliebtes Ausflugs- und Urlaubsziel geworden“, sagt sie.
Immer mehr Menschen aus immer mehr Ländern entscheiden sich für einen Aufenthalt in der Donaustadt. Allein 21376 Übernachtungen zählten ihre Mitarbeiter für das erste Quartal 2012 – fast 3000 mehr als im Jahr zuvor.
Dennoch macht die Gruppe von Urlaubern, die länger als einen Tag bleibt, einen kleineren Teil aus. Kerstin Hampel und ihr Team betreuen nämlich hauptsächlich Radtourenfahrer und Tagesgäste.
Dazu gehört auch die Gruppe junger Italiener, die sich gerade einen Stadtplan gekauft hat. Attilio, 24, Alessio, 28, Barbara, 24, und Alessia, 25, aus Palermo haben an diesem schönen Tag nach Ulm gefunden, wenn auch eher zufällig. „Wir haben erst in unseren Reiseführern von Ulm erfahren und haben uns gedacht, hierhin machen wir einen Tagesausflug.“ Die vier Studenten waren gerade auf der Suche nach dem Fischerviertel, als sie auf die Touristen-Info am Münster treffen. Dort versucht man ihnen mit Händen und Füßen den Weg zu zeigen, bis sie schließlich wissen, wohin sie müssen.
Doch nicht nur die Mitarbeiter der Touristen-Info haben so manche Sprachbarriere zu überwinden. Auch Rita Solt, Kassiererin an der Pforte des Ulmer Münsters, hat Verständigungsprobleme. „Deutsch und Englisch kann ich, zehn Worte Französisch und Italienisch, der Rest geht mit Händen und Füßen“, berichtet sie.
Auch hier merke man den verstärkten Tourismus in Ulm. „Das Außergewöhnlichste war eine Reisegruppe aus der Mongolei“, erinnert sich Solt.
Doch auch sonst gibt sich die halbe Welt vor ihrem Kassenhäuschen die Klinke in die Hand. Innerhalb von zehn Minuten hat sie, neben vielen Deutschen, einem Schweizer Pärchen und einem holländischen Familienvater Tickets für den Turm verkauft.
Jetzt steht ein Mann aus Milwaukee in den USA vor dem Kassiererhäuschen, den die Faszination des höchsten Kirchturms der Welt nach Ulm gezogen hat. „An Stoßtagen kommt es sogar vor, dass wir den Zugang zum Turm für eine halbe Stunde schließen müssen, weil so viel los ist“, berichtet Solt. Immer dann gingen Souvenirs besonders gut, und auch dazu weiß sie Geschichten aus jahrelangem Dienst an der Kasse zu erzählen. „Asiaten sind ganz scharf auf Engel“, verrät sie lachend und wird ein paar Sekunden später von einem asiatischen jungen Mann bestätigt, der einen weißen Schutzengel zum Abkassieren reicht.
Innen im Münster tummeln sich währenddessen verschiedene Touristengruppen. Unter ihnen auch eine Gruppe junger Austauschstudenten aus England. Louise Allen, 21, aus Loughborough, die ein Semester in Heidelberg verbringt, ist begeistert und schießt fleißig Fotos. Als ein Ausflug nach Ulm vorgeschlagen wurde, waren sie und ihre Freundinnen sofort dabei. Mit „typisch deutschen“ Andenken haben sie sich bereits eingedeckt: Mini-Bierkrüge als Kühlschrank-Magnet und Taschen mit Einstein darauf.
Auch in der Touristen-Info hat man sich auf die Souvenirwünsche der Touristen vorbereitet. „Amerikaner und Engländer wollen unbedingt etwas, auf dem Einstein abgebildet ist“, erklärt Kerstin Hampel und deutet auf Tassen, T-Shirts und Buttons mit dem Konterfei des Mathematikers. Viele suchen nach Spuren des Jahrhundertgenies in seiner Geburtsstadt. „Die schicken wir dann immer zum Monument, wo damals das Geburtshaus stand.“
Ulla Pforrs Runde geht dort allerdings nicht hin. Die Touristenführerin zeigt ihrer Gruppe heute das Münster und die Altstadt. „Die großen Sachen eben“, erklärt sie. Zu ihrer Gruppe gehören hauptsächlich ältere Deutsche aus dem süddeutschen Raum, die Tagesausflüge nach Ulm machen und das Münster besichtigen wollen. Seit elf Jahren macht sie das bereits und über die Jahre sei das Interesse sogar noch gewachsen. So werden schon seit Längerem zwei Mal täglich Touren auf Deutsch angeboten.
Pforr erzählt den Touristen Wissenswertes über Ulms Geschichte und den höchsten Kirchturm der Welt.
Den wird Ulm ihrer Meinung nach auch noch lange haben, denn sie glaubt nicht, dass die spanische Konkurrenz, die Sagrada Família in Barcelona, in absehbarer Zeit fertig werden wird. „Das haben die schon vor zwanzig Jahren gesagt“, winkt sie ab, als sie ihre über zwanzig Mann starke Gruppe ins Innere des Münsters führt.
Allerlei Fragen werden ihr während der eineinhalbstündigen Tour gestellt, so auch der Klassiker, als die Gruppe im Seitenschiff des Münsters die Fenster bestaunt: „Ist das Münster eigentlich eine katholische oder evangelische Kirche?“ Eine Frage, von der auch Kassiererin Rita Solt ein Liedchen singen kann. „Das fragen die Leute am meisten“, sagt sie. „So häufig, dass wir uns schon T-Shirts drucken lassen wollten, die uns das ständige Wiederholen abnehmen.“ Am besten in allen Sprachen der Welt.
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