Biberach Aus den Bildern spricht das pure Elend: Statt eines Daches haben die Menschen nur blaue Plastikfolien über dem Kopf. Wenn es regnet, bilden sich dreckige Pfützen und kleine Sturzbäche, die auch vor den ärmlichen Behausungen nicht haltmachen. Und überall der Müll. Unrat, Plastikflaschen, Essensreste, bergeweise. Nur eines sieht man auf den Fotos nicht: den beißenden Geruch. "Der Gestank ist wirklich schrecklich", sagt Walter Backeler, der gerade von einem fünfwöchigen Einsatz in Haiti zurückgekehrt ist. Im Erdbebengebiet versuchte Backeler, der normalerweise beim Technischen Hilfswerk (THW) Neu-Ulm als Zugführer tätig ist, das Leben der Menschen in den notdürftigen Lagern erträglicher zu machen. Zumindest ein bisschen. Von Stephanie SChuster


Als das THW im Juni nach Freiwilligen suchte, die als sogenannte Campbauer nach Haiti gehen, meldete sich der zweifache Familienvater gleich. "Ich wollte schon länger ins Ausland und dort helfen." Er war deshalb bereits in der Auslandsdatenbank registriert, sein Arbeitgeber hatte keine Einwände und stellte ihn für die Dauer des Einsatzes frei. Dann ging alles ganz schnell. Nach zwei Lehrgängen, in denen die Helfer nicht nur auf die kulturellen Unterschiede, sondern auch auf gefährliche Situationen vorbereitet wurden, ging es mit dem Flugzeug in die Dominikanische Republik und von dort auf dem Landweg nach Haiti.
Das Regenwasser macht vor den armseligen Hütten nicht halt
Ein bisschen Bammel hatte der zweifache Familienvater schon. Zum einen vor der Reise in eine andere Welt - voller Leid und Ruinen. Zum anderen, weil es für einen weißen Mitteleuropäer in Haiti nicht immer ganz ungefährlich ist. Sechs Mitarbeiter von Hilfsorganisationen seien seit dem Erdbeben entführt worden, erzählt Backeler. Doch er hatte eine Mission: Die provisorischen Unterkünfte der Menschen in der Hauptstadt Port-au-Prince vor dem Regenwasser schützen. "Denn während der Hurrikan-Saison momentan regnet es jeden Abend", erzählt der 44-Jährige aus Biberach. Wegen der Hanglage spüle das Wasser alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist. Abhilfe soll eine Art Abwassersystem schaffen. Die elegante, unterirdische Variante scheidet dort allerdings aus: Zu eng stehen die einzelnen Hütten beieinander, und finanzierbar wäre das Ganze sowieso nicht. Also legten Backeler und seine Helfer oberirdische Wassergräben an, die seitlich mit Sandsäcken abgesichert werden.
Mit einer Dolmetscherin und zwei haitianischen Vorarbeitern, die vor Ort vom THW ausgebildet wurden, machte sich der gelernte Schreiner zunächst ein Bild von der Situation im jeweiligen Lager. Dann kalkulierte er, wie viel Material und wie viele Helfer nötig sind. Die Arbeit erledigten dann die Vorarbeiter und die Einheimischen selbst, die sich auf diese Weise Geld verdienen konnten. Allerdings musste Backeler schnell feststellen, dass die Arbeitsmentalität in Haiti eine andere ist.
"Wenn man denen nicht immer wieder auf die Füße steigt, machen die halt nichts", erzählt er. Und ganz so genau nimmt es der Haitianer auch nicht immer. Für den strukturierten Deutschen eine große Umstellung. Gerade zu Beginn musste Backeler deshalb des Öfteren nach dem Rechten sehen. Die Sandsäcke etwa dürfe man nicht einfach hinschmeißen, da sie sonst vom Wasser im Nu wieder weggeschwemmt werden. "Da musste ich immer wieder drauf hinweisen."
Auch eine ordentliche Portion Überzeugungsarbeit gab es am Anfang zu leisten. Denn die Skepsis in der Bevölkerung war groß: "Die meinten, wir wollen sie nur schikanieren und arbeiten lassen", erzählt Backeler. Er zog also zunächst die Frauen und Kinder auf seine Seite. Die merkten schnell, dass die Hilfe ihnen was bringt, und so waren bald auch die Männer guter Dinge. Und als schließlich der erste Regen kam und sich zeigte, dass das Abwassersystem funktioniert, waren auch die letzten Zweifel ausgeräumt. "Das war einer der schönsten Momente, weil mich die Leute akzeptierten und mit meiner Arbeit zufrieden waren."
Dem Biberacher bot sich in der haitianischen Hauptstadt, in der seit dem schrecklichen Erdbeben vom 12. Februar 2010 kein Stein mehr auf dem anderen liegt, aber auch manch schreckliches Bild. Von Menschen etwa, die vom Trinkwasser, das die Hilfsorganisationen zur Verfügung stellen, nichts abbekommen haben und ihre Flaschen mit dem braunen Regenwasser auffüllen. "Dabei liegt da alles drin, auch Kondome." Doch die Einheimischen sind inzwischen abgehärtet, für die Kinder sind die schlammigen Rinnsale längst zum Spielplatz geworden.
Eine bereits bestehende Drainage sei so verdreckt gewesen, erzählt Backeler, dass das Wasser nicht mehr abfließen konnte. Für die Helfer hieß das zunächst: Müll wegräumen, auf einer Länge von drei Kilometern. "Bei uns hätte da niemand freiwillig reingelangt, dieses Wasser hat gelebt", ist er sich sicher. Doch die haitianischen Arbeiter zögerten nicht lange - sie bekamen dafür Gummistiefel und eine kleine Lohnerhöhung.
Erschreckend waren für den ehrenamtlichen Helfer auch die Straßen. "Das sind Zustände wie auf dem Panzerübungsplatz in Dornstadt, einen halben Meter tiefe Löcher." Für die zehn Kilometer lange Strecke von der Unterkunft der THW-Helfer - in einer sichereren Gegend etwas außerhalb von Port-au-Prince - bis zu den Camps brauchte man eine Stunde. Doch die Schäden würden nur provisorisch behoben. Die Regierung existiere seit dem Unglück praktisch nicht mehr - oder zumindest schert sie sich nicht um den Wiederaufbau. Denn seit dem Unglück hat sich die Lage nicht wesentlich verbessert. Millionen Spendengelder seien noch vorhanden, sagt Backeler, kommen aber nicht bei der Bevölkerung an. "Es gibt eigentlich auch sechs Pick-ups für die Arbeit der Campbauer. Aber die stecken immer noch beim Zoll fest."
Viel von dem, was sich tut, passiert deshalb im Kleinen, in neu entstandenen Strukturen. In den Camps etwa gibt es Komitees mit gewählten Präsidenten, die waren Backelers Ansprechpartner. In drei Lagern war am Ende seines Einsatzes alles fertig. In drei weiteren hat er mit den Arbeiten am Abwassersystem angefangen, zu Ende bringen werden sie die Einheimischen unter der Aufsicht seines Nachfolgers.
Millionen Menschen leben in provisorischen Lagern
Insgesamt soll es in der Hauptstadt 1300 solche Camps geben, jeweils 3000 bis 15 000 Menschen leben in den provisorischen Siedlungen, die wohlklingende Namen wie "Argentin" tragen. Walter Backeler weiß deshalb, dass das, was er tut, nur ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein ist. Die Lage sei immer noch schlimm. Und dennoch ist er stolz auf das Vollbrachte. Das EU-Projekt läuft noch bis Oktober, danach bekommt das haitianische Pendant zum THW die Materialien und Werkzeuge, um in Eigenregie weiterzuarbeiten. Dass die Menschen in Port-au-Prince das tun werden, davon ist Walter Backeler inzwischen überzeugt. "Denn die Leute haben gesehen, dass sie auf diese Weise zwar nicht schön, aber zumindest im Trockenen leben können." Und dass ihr Hab und Gut nicht jeden Tag nass und dreckig wird.
Im Januar soll es ein neues Hilfsprojekt in Haiti geben. Für den Biberacher steht jetzt schon fest, dass er sich, wenn es irgendwie geht, wieder meldet. "Um für die Menschen wieder eine Existenzgrundlage zu schaffen." Dafür habe er sich sein Fachwissen schließlich angeeignet. Und dafür opfere er gerne unentgeltlich seine Freizeit. Denn leer ausgegangen ist auch er nicht. Der Einsatz habe ihn geprägt, sein Leben verändert. Schließlich lerne man den eigenen Lebensstandard, an den man sich längst gewöhnt hat, wieder mehr zu schätzen, wenn man einmal das Gegenteil vor Augen hat. "Und es war das krasse Gegenteil," sagt Walter Backeler.
Bei uns im Internet
Weitere Bilder vom Einsatz des THW-Mitarbeiters Walter Backeler in Haiti:
www.nuz.de/bilder
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