Donnerstag, 22. Februar 2018

12. Februar 2018 06:00 Uhr

Ulm

Ein Herz aus Gold

Im Podium des Ulmer Theaters wird das „Rumpelstilzchen“ zu einem eigentlich ganz netten Typen. Aber ist das denn auch die richtige Umdeutung des Märchens? Von Dagmar Hub

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Rumpelstilzchen kann Dinge, die wir vielleicht auch gerne können wollen: Er spinnt Stroh zu Gold und verlangt dafür bekanntlich einen hohen Preis.
Foto: Dagmar Hub

„Wird der Frosch nicht gleich zum König, war es wohl ein Kuss zu wenig.“ Stammt das aus dem „Froschkönig“? Nein, natürlich nicht. Der freche Spruch ist eine neuzeitliche Deutung. Märchen dürften sich zu allen Zeiten verändert haben: Sie wurden angepasst an das, was man jeweils – gern auch mit erhobenem Zeigefinger – sagen wollte, und sie wurden so von Geschichten der Erwachsenen zu entschärften und moralisierenden oder warnenden Kindergeschichten. „Märchenretter“ müssen her, dachte sich Eva Ellerkamp vom integrativen Heyoka-Theater und fand in Martin Borowski vom Jungen Forum des Theaters Ulm einen idealen Partner für eine ungewöhnliche „Rumpelstilzchen“-Interpretation im Podium.

Die Brüder Grimm tilgten und verharmlosten so manche erotische oder grausame Stelle aus Märchen; aus der Mutter in „Hänsel und Gretel“ wurde eine Stiefmutter, weil es unzumutbar klang, dass Mütter ihre Kinder verstoßen könnten. Auch das Märchen „Rumpelstilzchen“ dürfte einen langen Entwicklungsweg gegangen sein und hat zahlreiche Deutungen erfahren. Gibt es die „richtige“ Interpretation? Die Schauspieler des Heyoka-Theaters widmen sich einer Lesart, in der Rumpelstilzchen kein übler Choleriker ist, sondern ein Helfer, der möglicherweise deshalb Stroh zu Gold spinnen kann, weil er selbst ein Herz aus Gold hat: Das Motiv für das Jahrtausende alte Bild vom geforderten Erstgeborenen ist hier die Sehnsucht des Einsamen danach, ein lebendiges Kind zu haben.

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Die Rollen im Stück wechseln, werden zuerst von Kindern der Neu-Ulmer Montessori-Schule und später von den erwachsenen Schauspielern des Heyoka-Theaters verkörpert. Michell-Ashley Mühlenbächer verkörpert ein kindlich-agiles Rumpelstilzchen, Georg Metzenrat gibt dem übernatürlichen Helfer eine melancholischen und zutiefst menschlichen Anstrich. Die Inszenierung geht Motiven nach: Behauptet der Müller aus väterlicher Sorge, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen, weil er sie am Hof des Königs gut versorgt wissen will, oder treiben ihn egoistische Gründe an? Braucht der König das Gold, weil sein Staat verschuldet ist und das Sozialsystem mehr Geld benötigt, um Wohltaten verteilen zu können, oder ist er schlicht narzisstisch und gierig? Drei Schülerinnen der Montessori-Schule interpretieren die Müllerstochter ganz unterschiedlich, von einer hilflos-ergebenen Variante bis zu einem selbstbewussten Mädchen, das vom König die Ehe einfordert, wenn sie denn das Stroh in Gold verwandelt.

Eine eindeutige Interpretation eines Märchens gibt es nicht, sagt Martin Borowskis Inszenierung, die in einem üppigen Bühnenbild Mona Hapkes mit unzähligen Requisiten spielt: Eine Nähstube, ein Restaurator, ein Buchbinder, ein Autor und andere Figuren schaffen eine Atmosphäre, in der Geschichten mit „Es war einmal ...“ beginnen können. Eine eigene Band unterlegt die Aufführung mit Songs. Ganz gelingt es auch dem Texter Michael Sommer nicht, seine „Rumpelstilzchen“-Variante freizuhalten vom moralisch erhobenen Zeigefinger – ein Exkurs über Fake News mutet im Märchen merkwürdig an. Die autobiografischen Einschübe der erwachsenen Akteure sind anrührend.

Die nächsten Aufführungen sind am 17., 20. und 21. Februar im Podium des Theaters Ulm.

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Ulm | Martin | Michael Sommer

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