Weißenhorn Festliche Kammermusik vom Barock bis zur Spätromantik bot das Konzert im Weißenhorner Stadttheater, in dessen Zentrum der glanzvolle Sopran von Esther Kretzinger Glanzlichter setzte. "He shall feed his flock" (Er weidet seine Herde) von Georg Friedrich Händel bot der 1983 in Siebenbürgen geborenen und in Günzburg aufgewachsenen Sängerin die Möglichkeit, mit dem ersten Ton deutlich zu machen, dass das Lob, das ihr wiederholt zuteil wird, nicht übertrieben ist. Gut vorbereitet auf das historische Stadttheater mit seiner mitunter hakeligen Akustik erlangte Kretzinger eine geradezu ideale Balance zwischen behutsamem Understatement, Ausdruck und Tiefe.
Sie stand allerdings nicht allein auf der Bühne; ihre Auftritte wechselten sich ab mit Instrumentalstücken, deren Auswahl zwar von begrenztem Einfallsreichtum war - als böten sich zu Weihnachten ausschließlich Händel und Bach an - aber in der Umsetzung nichts zu wünschen übrig ließen. Die "Sonata Seconda" für Violine und Cembalo erklang ebenso gelungen wie Bachs "Adagio für Violine und Oboe". Violinist Georges Emmanuel Schneider gefiel durch seinen sanften, auf harmonisch-runden Klang bedachten Bogen, der besonders in der zweiten Hälfte eigene Glanzlichter zu setzen verstand. Eine butterweiche "Berceuse" von Gabriel Fauré gelangte mit ihrem sanften Impressionismus ebenso direkt ins Gemüt wie Claude Debussys perlendes "Beau Soir", in dem Schneider von Cembalist Johannes Hämmerle begleitet wurde. Hämmerle seinerseits lieferte hochsolide Hintergründe für die Oboisten Adrian Ionut Buzac und Victor Marin.
Tommaso Albinonis "Konzert für zwei Oboen" op. 7 ist leider keines der bedeutendsten Werke des Komponisten und erscheint eher als "Tafelmusik" denn als konzertantes Werk; dennoch wurde ein dialogisierendes Muster hörbar, das dank spielfreudiger Interpreten süffig ins Ohr ging.
Auge und Ohr konzentrierten sich jedoch gerne auf Kretzinger, nicht nur des knallroten Kleides wegen. Durchaus mit romantischem Schmelz und den ganzen Zucker der Melodie auskostend, zauberte sie aus Edvard Griegs "Wiegenlied" eine Weise, die zugleich hell funkelnd und melancholisch erschien. Grandios ausbalanciert mit dem Klavier (Johannes Hämmerle) hörte das Publikum auch gern den Wiegenliedern aus den Federn von Franz Schubert, Peter Tschaikowsky und Max Reger zu, die nun ganz wunderbar zusammenpassen wollten. Dass das eher den Klangwelten von Schumann und Reger nacheifernde, gefühlige "Wiegenlied" von Hans Pfitzner auch in diese Reihe passte - Kretzinger und Hämmerle machten es möglich. Das irrtümlich Mozart zugeschriebene, wohl eher der Feder von Bernhard Flies entstammende "Schlafe mein Prinzchen schlaf ein…" gab als Zugabe letzte Gelegenheit, der so klaren, schlanken Stimme Kretzingers zu lauschen. Wenn auch das Repertoire ohne echte "Entdeckungen" war - die Interpreten ließen keine Wünsche offen und schafften es, auch strapaziertes Liedgut aufzupolieren. Man wird alle Musiker gern wieder hören wollen - doch am meisten wohl Kretzinger, deren Stimme man gern in einem abendfüllenden Werk wieder erleben möchte. Diese Sopranistin hat das Potenzial, sich auch die schweren Partituren zu eigen zu machen - und sie durch ihre Sangeskunst dem Publikum nahezubringen. (flx)
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