Freitag, 26. August 2016

19. September 2014 17:16 Uhr

Ulm

„Erstaunt, wie gut das Hirn funktioniert“

Theaterintendant Andreas von Studnitz eröffnet die neue Spielzeit selbst – als einsamer Schauspieler in „Event“. Der Monolog feiert am Samstag Premiere. Ein Interview.

i

Ganz allein: Intendant Andreas von Studnitz spielt in dem Monolog „Event“ einen Schauspieler, der zwischen Text, Regie und Theaterkonventionen gefangen ist. Das Foto entstand bei der Hauptprobe.
Foto: Jochen Klenk

Herr von Studnitz, das Motto der neuen Spielzeit heißt „Schaffet“. Sie gehen mit gutem Beispiel voran und spielen den Monolog „Event“. Wann haben Sie zum letzten Mal so viel Text büffeln müssen?

Andreas von Studnitz: Oh, das ist lange her. Bei „Wallenstein“ bin ich mal als Octavio eingesprungen, aber das ist nicht vergleichbar. Einen solchen Monolog habe ich aber noch nie gespielt.

ANZEIGE

War das dann eine extreme Erfahrung – oder macht man das nebenbei?

von Studnitz: Das ist eine Frage, wie viel Zeit man hat. Ich habe im März mit der Strichfassung angefangen, dann habe ich angefangen, ein bisschen zu lernen. Die ersten fünf Seiten hatte ich relativ fix, bis zur Hälfte ging es ganz gut – und dann habe ich für die Proben zu „Kabale und Liebe“ aufhören müssen. Vor den Ferien sind Nilufar (K. Münzing, die Regisseurin, d. Red.) und ich da irgendwie durchgekommen. In den Ferien musste ich dann weiterlernen, wir haben auch zweimal geprobt. Ich war erstaunt, wie gut das Hirn funktioniert. Manche Sätze wollen sich trotzdem nur schwer einprägen. Aber ich bin auf der sicheren Seite: Die Souffleuse sitzt bei „Event“ ja mit auf der Bühne und wird von mir sogar noch bespielt. 

Was hat Sie an dem Stück so gereizt, dass Sie es gleich selbst darbieten?

von Studnitz: Eigentlich habe ich die Rolle ja jemanden aus dem Ensemble angeboten. Aber der hat gesagt: „Och, Monolog, da reden wir noch mal drüber“. Dann habe ich mir gesagt: Na gut, spiel ich das selber. Wir hätten auch ein Dispo-Problem gehabt, weil „Event“ quer zu allen anderen Produktionen liegt. Dann bekommt es auch noch einen anderen Touch, wenn ich das als Intendant mache. Es macht einen Heidenspaß, diesen Text zu spielen.

„Event“ ist ein Text über die Welt, aber auch über das Theater, seine Möglichkeiten, und seine Grenzen. Es ist auch ein Stück Entzauberung der Bühnenmagie. Warum so ein Stück zum Spielzeitbeginn?

von Studnitz: Durch das permanente Entzaubern verweist es auf den Zauber, den eine Bühne auslösen kann. Es zeigt ganz deutlich, dass im Theater eine Welt entstehen kann, die komplette Fiktion ist. Anders als im Film kann man eine Illusion im Theater ruckzuck zerstören – und wieder aufbauen. Und anders als bei Drogen kann man auf eine Reise gehen, ohne körperliche Folgeschäden befürchten zu müssen.

Mir ist ein starker Satz in Erinnerung geblieben: „Ihre Wohnungen werden nicht von Flutwellen bedroht, ihre Kinder sterben nicht an Hunger“ heißt es darin über das Publikum. Kann das Theater auch Menschen außerhalb des bürgerlichen Milieus erreichen?

von Studnitz: Die stärksten Theatererlebnisse kommen oft aus Ecken, wo die Leute nicht anders können, als Theater zu spielen und ihre Themen auf die Bühne zu bringen. Für uns als Kunsttheater ist es schwierig, authentisch zu sein und am Puls der Zeit zu bleiben. Der schlägt im Internet. Unser Ziel muss es sein, Menschen an die Institution Theater heranzuführen. Aber natürlich ist der Satz ein Seitenhieb auf den wohlsituierten Bürger. Auch gegen die Schauspieler, Kollegen, Kritiker. Sie kommen alle aus diesem Milieu.

Wenn man so will, ist „Event“ auch eine Anleitung zum richtigen Theaterverständnis, ein Stück über das Verhältnis von Schauspieler, Regie und Theaterbetrieb.

von Studnitz:  Die Figur ist gewissermaßen eingesperrt in diesem Abend. Er hat – wie alle Schauspieler – das Problem, dass jede Regung, jeder Ausraster, in die Inszenierung eingespeist wird. Das ist auch eine Form der Entmündigung. Umgekehrt ist die Erfahrung etwas auszuhalten, einem Impuls nicht nachzugeben, etwas sehr Wesentliches im Theater. Die Freiheit des Schauspielers sind seine Gedanken. Die kennt auch der Regisseur nicht. Die Lust an dieser Freiheit habe ich durch „Event“ wieder entdeckt.

Kommen wir zurück zum Bürgerlichen. Um das Bürgertum und seine Werte geht es ja auch in „Kabale und Liebe“, ihrer ersten Regiearbeit der Spielzeit, in deren Kulissen „Event“ gespielt wird. Was macht Schillers Bürgerliches Trauerspiel zu einem guten Spielzeitauftakt im Schauspiel?

von Studnitz: Ich bin ein großer Schiller-Fan, aber grundsätzlich ist erst einmal die Frage: Mit welchem Titel holt man die Leute nach den Theaterferien zurück? „Ghetto“ war zum Beispiel ein Rohrkrepierer, „Totentanz“ war auch eine schwierige Geschichte. Wir haben zunächst mit „Don Carlos“ geliebäugelt, haben uns dann aber für „Kabale und Liebe“ entschieden, weil es auch junge Zuschauer anziehen kann.

Was ist für Sie der Reiz an dem Stoff?

von Studnitz: In dem Stück geht es um die Frage: Wie kann ich glücklich werden? Und: Wie kann mein Kind glücklich werden? Was ist Elternliebe? Man muss nur ein paar hundert Kilometer weiterfahren, dann findet man dort noch die Fremdbestimmung der Kinder durch die Eltern wie in „Kabale“. Der Schiller ist einfach saugut im Konstruieren von Konflikten. Da sieht Goethe nur die Rücklichter. Der Schauspieler hat die Chance, eine echte Not zu zeigen, nicht nur eine literarische. Und dann ist da noch dieses Trotzdem, dieses Aufbegehren, das in dem Stück steckt. Da ist die Luise weit vorn. Sie will ihren Vater nicht hängenlassen und ihren Freund nicht verraten. Dass sie das aushält, finde ich toll an der Figur.

Wie passen die ersten Produktionen der Spielzeit unter die Überschrift „Schaffet“?

von Studnitz: Ich produziere das Motto immer unabhängig von dem, wie wir Stücke suchen. Die Beglaubigung des Mottos durch den Spielplan finde ich todlangweilig. Zu „Kabale und Liebe“ würde mir vielleicht folgender Satz gefallen: Schaffet Unsicherheit im Sicheren! Die Dramaturgen haben sich für das Spielzeitheft Parolen wie „Schaffet Gerechtigkeit!“ ausgedacht. Das ist ihr Job, und den haben sie gut gemacht! (lacht) Natürlich ist es toll, wenn ein Motto wie „Schaffet“ auch eine lokale Anbindung hat. Schließlich fragen sich die Leute bei uns Theaterleuten manchmal schon: Schaffet die tagsüber nix?

Am Ende der vergangenen Spielzeit konnten sie sich beim Abschied einiger verdienter Kollegen die Tränen nicht verkneifen: Schauspiel-Chefdramaturg Michael Sommer hat das Haus ebenso verlassen wie einige Ensemblemitglieder. Wie einschneidend sind solche Veränderungen?

von Studnitz: Der Moment der Trennung war für mich ergreifend, obwohl ich darauf vorbereitet war. Dass ein Schauspieler oder Dramaturg das Haus verlässt, finde ich grundsätzlich aber nicht tragisch. Auch ich habe frühere Stationen nach ein, zwei Jahren schon wieder verlassen. Meine Verpflichtung als Intendant ist auch, das Theater lebendig zu erhalten. Und dafür braucht man auch immer wieder junge Schauspieler. Die bringen ein unschuldiges Element mit, das hält aber nicht ewig. Unsere Neuen haben sich schon gut eingelebt.

Blicken wir noch einmal in die Zukunft: Worauf freuen Sie sich in dieser Spielzeit besonders?

von Studnitz: Ich freue mich eigentlich auf alles. Besonders auf die Wilhelmsburg und die „Bakchen“, weil ich da mit dem Ballett zusammenarbeiten werde. Ich hoffe, dass der Publikumszuspruch so ist wie vergangenes Jahr – da hatten wir zwar weniger Abos, aber die Leute sind trotzdem gekommen.

(Interview: Marcus Golling)

 

i

Ihr Wetter in Neu-Ulm
26.08.1626.08.1627.08.1628.08.16
Wetter Unwetter
                                                Wetter
                                                heiter
	                                            Wetter
	                                            heiter
                                                Wetter
                                                wolkig
Unwetter17 C | 31 C
18 C | 31 C
17 C | 31 C
Das Wetter aus Ihrer Region
Nachrichten in Ihrer Region
Augsburger Allgemeine Aichacher Nachrichten Augsburger Allgemeine Donau Zeitung Donauwörther Zeitung Friedberger Allgemeine Günzburger Zeitung Illertisser Zeitung Landsberger Tagblatt Mindelheimer Zeitung Mittewlschwäbische Nachrichten Neu-Ulmer Zeitung Neuburger Rundschau Rieser Nachrichten Schwabmünchner Allgemeine Wertinger Zeitung
Alles rund um die Basketballer

Wie gut kennen Sie Neu-Ulm?
Top-Angebote

Bauen + Wohnen

Neu-Ulm
Soll die B10 vierspurig werden?

Unternehmen aus der Region


Partnersuche