Ein Bub aus Vöhringen stach sich an einer Heroinspritze. Die Angst war groß, dass sich der Fünfjährige mit Aids infiziert haben könnte. Nun stand der Täter vor Gericht.

Neu-Ulm „Seien wir froh, dass dem Kind nichts Schlimmeres passiert ist“: Mit diesen Worten beendete gestern der Neu-Ulmer Amtsgerichtsdirektor Thomas Mayer einen Prozess wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen einen 25 Jahre alten Mann. Als Antwort bekam er vom Angeklagten zu hören, dass auch er froh sei, dass dem „Kleinen“ nichts passiert sei.
Bei dem „Kleinen“ handelt es sich um einen fünf Jahre alten Buben aus Vöhringen, der mit seinen Eltern einen mehrmonatigen Albtraum durchlebte.
Das Kind war wie fast jeden Tag auch am 27. Juli vergangenen Jahres in den Kindergarten „Rappelkiste“ gegangen. Beim Spielen im Garten pikste sich der Bub an etwas Spitzem in den Finger. Die sichtbare Verletzung war nicht allzu schlimm – schlimm war aber sehr wohl der Gegenstand, an dem sich das Kind verletzt hatte: eine gebrauchte Heroinspritze. Für die Eltern und ihren Buben begann jetzt ein wahres Martyrium.
Da nicht nur nicht ausgeschlossen werden konnte, sondern es sogar nahe lag, dass die Spritze von einem Junkie benutzt worden war, der mit Hepatitis oder gar HIV (Aids) infiziert ist, begann für das kleine Kind eine wahre Odyssee durch unzählige Arztpraxen. Erst nach einem halben Jahr die erlösende Meldung: Der Bub hat sich nicht angesteckt. Mittels eines DNA-Abgleichs konnte die Polizei den Täter rasch ermitteln: ein 25 Jahre alter Neu-Ulmer ohne Berufsausbildung, der in Tadschikistan zur Welt gekommen ist und der mit 14 Jahren eine typische Drogenkarriere startete, die ihn mit 20 in die Koks- und Heroinabhängigkeit führte. Korrespondierend dazu beging er etliche Straftaten, für die er sich zehn Vorstrafen einhandelte.
Der gestrige zweite Prozess – zum ersten Termin war er nicht erschienen – war ein kurzer, nachdem Richter, Staatsanwalt und Verteidigerin hinter verschlossenen Türen eine „Prozess beendende Absprache“ getroffen hatten: Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 15 Euro gegen Geständnis. Der Angeklagte willigte ein und gab zu, sich im Juli 2011 nahe der Vöhringer „Rappelkiste“ einen Schuss gesetzt zu haben und die Spritze anschließend in den Garten des Horts geworfen zu haben. Vöhringen und Illertissen seien in seinem „Einzugsgebiet“ in Sachen Drogen gelegen.
Die verhältnismäßig milde Strafe hängt auch damit zusammen, dass der Mann wohl die Kurve gekriegt hat. Vor einigen Monaten hat er in Augsburg eine Drogentherapie abgeschlossen, geht jetzt regelmäßig weiterhin zur Suchtberatung und hat gute Aussichten, im September eine Elektrikerlehre zu beginnen. Von seinen früheren Bekannten hat er sich distanziert – er wohnt jetzt in Augsburg. Auf die Frage von Richter Mayer, ob er glaube, vom Rauschgift weg zu sein, gab er in seltener Offenheit zu: „Allein‘ schaff‘ ich das nicht.“ Der Amtsgerichtsdirektor wertete dies als Indiz dafür, dass der Mann tatsächlich versucht, seinem Leben eine Wende zu geben. Mayer: „Wenn Sie das einsehen, ist das ein erster Schritt. Viele, die hier sitzen, wollen sich gar nicht helfen lassen.“ (kr)
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