Freitag, 22. September 2017

13. Januar 2014 00:36 Uhr

Gelungenes Scheitern

Ringelnatz-Abend im Ulmer Roxy

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Humor aus Papier: Heike Feist (links) und Stefan Plepp im Roxy.
Foto: Hub

Ulm Kinder schneiden gern Dinge aus Papier aus. Dass Papier-Requisiten aber eine ganze Biografie darstellen können, damit begeisterten die Berliner Schauspieler Heike Feist und Stefan Plepp ihr Publikum im Roxy: Joachim Ringelnatz’ nur 51-jähriges Leben zeichneten beide mit viel Können, subtilem Humor und der dem Schriftsteller eigenen heimlichen Melancholie gerafft und doch präzise bis ins Detail nach. Die Träne im Lächeln, sie bleibt am Ende des Programms im Abschiedsgedicht an seine große Liebe Leonharda Pieper.

„Schöner scheitern mit Ringelnatz“ heißt das Programm: Das Leben des Dichters, der eigentlich Hans Bötticher hieß und dessen Physiognomie seine Umwelt zur Karikatur reizte, war reich an Tiefpunkten. Feist und Plepp gelang es großartig, das Drama dieses Lebens in Texten von Ringelnatz, verbunden mit eigenen Texten, zur Biografie werden zu lassen. Das Publikum lacht nicht übers Scheitern eines oftmals Glücklosen. Das Lachen steckt in den kleinen Dingen, und es steckt im Dennoch eines Stehaufmännchens. Wie Ringelnatz selbst mit dem Scheitern umging? „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt“ – dieses Zitat sagt viel den Humoristen aus.

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Heike Feist und Stefan Plepp in zahlreichen Rollen

Für die Darstellung schlüpfen Feist und Plepp in die unterschiedlichsten Rollen, beginnend mit dem frechen Jungen, der mit Trotz auf die Hänseleien seiner Umwelt reagierte, und seiner strickenden Mama. Das Scheitern in der Schule, das Scheitern als klein gewachsener, sehschwacher Schiffsjunge, als Hilfsarbeiter in einer Schlangenbude auf dem Hamburger Volksfest, als Obdachloser im englischen Hull – es steht im krassen Gegensatz zu Ringelnatz’ Begabung als Poet und Worteerfinder, auch als Maler.

Die Liebe, sie gelang, und Leonharda teilte die armen Jahre wie später die glücklichen Jahre, als Ringelnatz ein etablierter Kabarettist und Künstler war, befreundet mit Kurz Tucholsky, Otto Dix und anderen großen Künstlern seiner Zeit. Bis 1933, als ihn das Auftrittsverbot der Nationalsozialisten rasch verarmen ließ. Ob er die Verbrennung seiner Bücher als weiteres Scheitern empfand? Ringelnatz erkrankte an Tuberkulose und starb am 17. November 1934 in seiner Berliner Wohnung. Nur neun Trauernde folgten seinem Sarg. (köd)

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