Freitag, 19. Januar 2018

07. Oktober 2013 14:46 Uhr

Ulm

Gezeichnete und Auserwählte

„Pidkid.de“ im Podium macht aus dem Thema Präimplantationsdiagnostik ein packendes Stück Theater. Von Dagmar Hub

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Leben aus dem Reagenzglas: (von links) Johanna Paschinger als Sophie und Christian Streit als Mark in „Pidkid.de“.
Foto: Ilja Mess

 „Pidkid.de“, inszeniert für Jugendliche und Erwachsene vom früheren Ulmer Schauspieler Antonio Lallo, stellt weniger die Frage nach der moralischen Rechtfertigung der Präimplantationsdiagnostik. Ender fragt nach den psychischen und moralischen Folgen dessen, ein solch auserwähltes Wesen zu sein, das den Wettkampf gegen seine zeitgleich produzierten, aber verworfenen Geschwister-Embryonen im Zellklumpenstadium gewann. Die Autorin fragt nach der Selbstrechtfertigung für das Sein eines solchen wegen seiner Perfektion geborenen Menschen, nach seinen Schuldgefühlen den verworfenen Embryonen gegenüber, dem kranken Geschwisterteil gegenüber, und nach der nicht zu beendenden Dankbarkeits-Verstrickung von Geschwistern, bei denen die Erzeugung des Jüngeren das Leben des Älteren rettete.

Welch ein Unterschied: Auf Rollen bewegen sich die beiden Geschwister Sophie und Chris – Chris, weil er wegen seiner Duchenne-Muskeldystrophie als Vollpflegefall im Rollstuhl sitzt, Sophie, die perfekte, auf Rollerskates. Die Geschwister Moritz und Mark sind auf andere Weise untrennbar verstrickt, denn Mark wurde bei seiner Geburt zu Knochen-Mark, um den an einer Autoimmunerkrankung leidenden Moritz zu retten. Mark hat seine Mission erfüllt – und darf als ewiges Objekt der Dankbarkeit alles beanspruchen, was er will. Der knapp 13-Jährige darf vom älteren Bruder verlangen, ihm – statt bei den Hausaufgaben zu helfen – das Fahren mit dem elterlichen Auto beizubringen. Moritz tritt ihm Sophie ab, nachdem sich beide in einem Internet-Forum für „Pidkids“ kennengelernt und ineinander verliebt hatten. Moritz gäbe es nicht mehr, gäbe es Mark nicht. Aber auch Mark gäbe es nicht, wäre Moritz nicht als Kind schwer erkrankt.

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Und die Eltern? Abwesende Väter und Mütter, die wandelnde Verdrängung sind (gespielt von Sibylle Schleicher), ziehen sich durchs Stück, das Regisseur Lallo ganz in das Weiß der Halbgötter in den Krankenhäusern gewandet und im Jahr 2026 ansiedelt. Gunther Nickles gelingt die Verwandlung in den Vollpflegefall Chris sehr realistisch; weniger wirklichkeitsnah ist seine Darstellung des jungen Erwachsenen Moritz. Johanna Paschinger überzeugt als stets nach der Superleistung strebenden Sophie, dem Inbegriff des Gewinnerkindes.

Das Ende verstört und lässt nicht los: Sophie und Mark, die Auserwählten, erheben sich zu Herren über Leben und Tod. Christian Streit in der Rolle des Mark, der sich als rappender Jugendlicher zum Richter über das Lebensrecht eines Unperfekten macht, verursacht in der Schlussszene Gänsehaut.

(Wieder am 9. und 24. Oktober sowie am 5., 7., 13. und 22. November im Podium des Theaters Ulm.)

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