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Neue Musik im Stadthaus Ulm: Im Schatten der Sirenen

Neue Musik im Stadthaus Ulm

Im Schatten der Sirenen

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    Die "Sirenen" des Madrigalchors der Münchner Musikhochschule im Stadthaus
    Die "Sirenen" des Madrigalchors der Münchner Musikhochschule im Stadthaus Foto: Foto: Roland Mayer

    Ulm In den Nachhall des 19-Uhr-Münstergeläuts mischt sich ein Flirrton. Der Mann mit der Bassklarinette umspielt traumwandlerisch den Grundton A, geht in die obere Oktave, zischelt butterweich durchs Mundstück seines mannshohen Blasinstruments, zaubert mit Klapplauten und Tonschleifen. Grundton, Münsterglocken, 19.15 Uhr: Michael Riessler taucht aus tiefer Versenkung auf, signalisiert einen leisen Laut: Im spitzen Möwengeschrei aus den Boxen zappelt ein Zilpzalp. Jetzt entführt die Uraufführung „Sirens“ mit Chorstimmen alsbald in ein kristallin aufwogendes Klangmeer, das die lebensbedrohliche Begegnung Odysseus’ mit den Sirenen zum modernen Oratorium aufschäumt – und im hochaufragenden Treppenhaus des Meier-Baus eine grandiose Begegnung mit der Neuen Musik platziert.

    Der gebürtige Ulmer Klarinettist, Komponist und Münchner Jazzprofessor Riessler ist beim veranstaltenden Verein für moderne Musik ein viel geladener Grenzgänger zwischen Jazz und moderner Klassik. Seiner kathedralischen „Sirens“-Uraufführung im Stadthaus waren bereits kleinere Produktionen in Köln und Kopenhagen vorausgegangen. Zusammen mit vorproduzierten Streicherklängen bilden diese Klänge aus der Konserve das Zuspiel für Riesslers intuitive Improvisationskunst und die jungen Stimmen des Madrigalchors der Musikhochschule München. Sein Dirigent Martin Steidler lenkt das chorische Geschehen mit behutsamer Präzision vom letzten Treppenabsatz aus, wo Riessler am Puls seiner Partitur zu minimalistischen Klangbildern, atonalen Tongirlanden und archaischen Eruptionen ein beziehungsvolles Schattenspiel auf der weißen Stadthauswand erzeugt.

    Der gemischte Chor  wird in seinen Nischen mit altgriechischer Lautmalerei zum antiken Sprecher, der Homers Emigrantensaga durch Summtöne vorantreibt. Nach gutturalem Trommelstop und sphärischen Flageoletts entfachen die „Sirenen“ mit Schleiflauten und brachialen Halbtonkurven einen Tsunami. Riessler bläst frei, Chaos pur, das Stadthaus bebt. Dann ein gregorianischer Choral, ein kleines Madrigal dreht seine Schleifen. „Ich will es nicht mehr hören“, das englisch gehämmerte Postulat gegen den stimmlichen Wahnsinn, hat sich soeben im zur kathedralischen Konzerthalle getauften Meier-Bau beim Münster mit sphärischem Klangschauer in den stillen Kammerton A aufgelöst. Eine weitere Aufführung der "Sirens" erfolgt am 28. februar in Münchens Allerheiligenhofkirche.

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