Sonntag, 29. Mai 2016

02. Juni 2015 11:05 Uhr

Ulm

Jetzt geht es Schlag auf Schlag

In zwei Wochen hat die „West Side Story“ auf der Wilhelmsburg Premiere. Schon 21500 Karten sind für die 18 Vorstellungen verkauft. Warum das Stück viel mit heutiger Politik zu tun hat.

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Es ist Mittagszeit in der früheren Paketposthalle, die seit einiger Zeit vom Theater genutzt wird – derzeit für die Proben für die „West Side Story“, der großen Musical-Produktion des Theatersommers 2015 auf der Wilhelmsburg. Kurz vor dem Saisonstart herrscht in dem Gebäude, das im Inneren tatsächlich eher einem Box-Gym als einem Theaterraum ähnelt, ein ständiges Kommen und Gehen. Jetzt, kurz nach halb eins, sind die „Jets“ dran, mit der Choreografie zu dem Song, der am besten ihr Selbstverständnis ausdrückt: „Cool“. Nur noch knapp zwei Wochen bis zur Premiere. Es werden zwei Wochen, die es für das Ensemble in sich haben.

Die „West Side Story“, uraufgeführt 1957, erzählt eine Romeo-und-Julia-Geschichte vor dem Hintergrund von Gang-Rivalitäten im New York der 50er. Die Kontrahenten sind die Jets, in den USA geborene Jugendliche, und die Sharks, eine Bande von puertoricanischen Immigranten. Regisseur Rhys Martin pfeift. Noch einmal Aufstellung in den konzentrischen Kreisen aus Klebeband, die die Positionen der Tänzer markieren. Noch einmal „Cool“, aber ohne Musik. Die Choreografie-Assistentin gibt den Takt vor: „One, two, three, four, five, six, seven, eight.“ Punch, Punch, Punch. Kratz, kratz, kratz. Martin geht durch die Reihen. Es gibt noch Redebedarf. „B-Boys, wo seid ihr“, ruft er.

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Seit sechs Wochen arbeitet der Australier, der sowohl Regisseur als auch Choreograf ist, in Ulm an der „West Side Story“. Kein einfacher Job. Denn wie immer auf der Wilhelmsburg, gilt es, in relativ kurzer Zeit aus festen Ensemblemitgliedern, zusätzlich angeheuerten professionellen Musical-Darstellern (wie „Diesel“ Rentmeister) und begeisterten Laien ein Team zu formen. „Jetzt geht es darum, alles, was wir uns ausgedacht haben, auf den Punkt zu bringen“, sagt Martin. Dabei gehe es vor allem darum, das vor fast 70 Jahren entstandene Stück so zu aktualisieren, dass es wieder eine Bedeutung bekomme – und nicht längst vergangene Jugendkulturen darstelle. Dafür haben Martin und die Tänzer und Sänger aktuelle Tanzstile, vor allem Hip-Hop, analysiert und auf die Musik von Leonard Bernstein übertragen. Auch inhaltlich will der Regisseur die Akzente des Einwandererdramas verschieben: „Was derzeit auf dem Mittelmeer passiert, das ist ‚West Side Story‘.“ Das Musical handle vom Freiheit und ihren Grenzen, von der Suche nach Heimat und Identität, vom viel zitierten „Clash of Cultures“ – und sei deshalb „brandaktuell“.

In der Paketposthalle haben die Jets unterdessen die Tanzfläche geräumt: für ihre Rivalen, die Sharks. Ein paar Durchgänge zum berühmten „America“-Thema, ein paar Verbesserungen. „Okay, nicht schlecht“, sagt Martin, auf Englisch, denn das Ensemble ist international wie die „West Side Story“ selbst. Doch dann zeigt die Assistentin auf die Uhr. Die nächste Probe steht schon bevor, keine Zeit für weitere Verbesserungen. Rhys Martin nimmt’s mit Humor. „Wir haben so viel Spaß!“, ruft er und setzt dazu ein übertriebenes Grinsen auf. Die Premiere kommt immer näher. Aber immerhin muss er keine Angst haben, vor leeren Rängen zu spielen. Für die 18 Termine von „West Side Story“ sind bereits 21500 Karten weg, fünf Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Auch an der Theaterkasse geht es derzeit Schlag auf Schlag.

Premiere: „West Side Story“ ist erstmals am Samstag, 13. Juni, um 20.30 Uhr auf der Wilhelmsburg zu sehen. Karten gibt es an der Theaterkasse, Telefon 0731/161-4444, und online unter theater.ulm.de.

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