Traditionsreiche, aber marode Immobilie wurde an Investor verkauft, der Architektenwettbewerb für Neubau plant Von Bernhard Junginger
Neu-Ulm Die Silcherstraße 2 ist eine ganz besondere Adresse: Zahlreiche Neu-Ulmer haben in der Gaststätte unten im fünfstöckigen, um 1900 errichteten Haus das Tanzen gelernt oder Konzerten gelauscht. Sogar die Scorpions spielten auf der kleinen Bühne, als sie noch keine Rock-Legenden waren. Seit Jahren bringt das kleine, aber feine AuGuS-Theater schauspielerische Leckerbissen auf die Bretter. Das Kaffeehaus Konzertsaal ist für nostalgisches Flair und leckere Kuchen bekannt, im Sommer ist der schattige Biergarten beliebt. Jetzt steht die lange Tradition vor dem Aus: Das Gebäude Silcherstraße 2 ist verkauft worden und wird allem Anschein nach abgerissen werden.
Sebastian Hirn von der gleichnamigen Sendener Immobilienfirma bestätigte gestern entsprechende Informationen der Neu-Ulmer Zeitung. Hirn hat den Kauf des Gebäudes durch seinen Kunden, die Langenauer Immobilienfirma Kunze, eingefädelt. Bisheriger Besitzer war ein Unternehmer aus dem oberschwäbischen Obermarchtal, der das Haus vor Jahren von einer Memminger Brauerei erworben hatte. Über den Kaufpreis sei Stillschweigen vereinbart worden. Hirn sagte, er werde zusammen mit der Firma Kunze an einem Konzept für die künftige Nutzung des Objekts arbeiten. Die Immobilie steht laut Hirn auf rund 1500 Quadratmetern Fläche. Von den acht Wohnungen im Haus sei nur noch eine bewohnt. Er wisse um die große städtebauliche Bedeutung des Standorts, deshalb werde es wohl auch einen Architektenwettbewerb geben.
Teile des Hauses sind „vor dem Einfallen“
Dass dies einen bevorstehenden Abriss des traditionsreichen Gebäudes bedeutet, wollte Hirn weder bestätigen noch dementieren. Am kommenden Freitag werde ein Gespräch bei der Stadt Neu-Ulm stattfinden, bei dem die Zukunft des Standorts besprochen werde. Hirn sagte aber, dass eine Sanierung des Gebäudes nach allen vorliegenden Erkenntnissen von Architekten und Statikern wohl nicht sinnvoll sei. Teile des Gebäudes sind laut Hirn „kurz vor dem Einfallen“. Obwohl das Haus zu den ältesten erhaltenen in Neu-Ulm gehört, steht es nicht unter Denkmalschutz. Einem Abriss stünde also nichts im Wege – zumal auch die gesamte Umgebung mit dem Weiss-Areal und der Flussmeisterei bald ein völlig neues Gesicht erhalten wird.
Auf dem Gelände am Donauufer zwischen Krankenhausstraße, Sandstraße und Donau-Center sollen moderne, winkelförmig angeordnete Wohnhäuser mit insgesamt rund 120 Einheiten entstehen, die durch mehrere Innenhöfe aufgelockert werden. Es ist geplant, dass die denkmalgeschützten Bereiche der ehemaligen Lebkuchenfabrik Weiss erhalten bleiben. Gewerbeflächen, Arztpraxen und Gastronomie sollen das Ensemble abrunden. Für die luxuriösen Wohnungen stehen Quadratmeterpreise von mindestens 4000 Euro im Raum – die Fläche, auf der derzeit noch das Haus mit dem Café Konzertsaal steht, verspricht für den neuen Besitzer jedenfalls gute Geschäfte – zumal es praktisch um den Eingangsbereich des künftigen Luxus-Viertels am Donauufer geht.
Theatermacher Heinz Koch hätte die Bühne über dem Konzertsaal ohnehin in absehbarer Zeit verlassen müssen. Denn Mängel beim Brandschutz hätten teure Umbaumaßnahmen erforderlich gemacht. Auf Anfrage unserer Zeitung sagte Koch, dass er mit seinem AuGuS-Theater weiter auf der Suche nach einem neuen Spielort sei, der bis zu 99 Besuchern Platz biete. Für Räume mit Platz für 100 und mehr Besucher seien die Brandschutzauflagen strenger und damit die Kosten höher – zu hoch für ein kleines Theater wie seines. Er sei mit der Stadt Neu-Ulm im engen Kontakt und gehe davon aus, dass sich bald eine Lösung finden werde – diesseits der Donau. Viele Theaterfreunde hatten nämlich befürchtet, dass Koch mit dem AuGuS-Theater nach Ulm abwandern könnte, wenn sich in Neu-Ulm kein neues Zuhause findet.
Zur Zukunft ihres Cafés Konzertsaal wollte sich Betreiberin Karin Eck gestern nicht äußern. Immobilienmakler Sebastian Hirn sagte, dass es zunächst das Ziel gewesen sei, die Räume des Cafés zu erhalten, was wohl aber aufgrund der schlechten Bausubstanz nicht zu machen sei. „Wir würden dem Konzertsaal Räume im Neubau anbieten, bis dieser fertig ist, könnte es vielleicht eine Übergangslösung für das Café geben“, sagte er.
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