Sonntag, 26. Mai 2013

17. August 2012 12:03 Uhr

Zwischennutzung

Kulturfahrschule wird zur Kunstplantage

Neue Ausstellung, Konzerte und Aktionen der Initiative am Ehinger Tor Von Florian L. Arnold

Ulm Man muss die Augen offen halten – nicht nur der vielen Treppen und Winkel wegen, die das Gebäude der „Kulturfahrschule“ am Ehinger Tor ausmachen. Manche versteckte Kostbarkeit verlangt ein genaues Hinsehen. Da rinnt im Flur im Obergeschoss aus einer kryptisch wirkenden Installation trübes Wasser die Wände entlang. Das schräg einfallende Abendlicht kitzelt dessen Schattierungen heraus, von hellem Grün bis trübem Braun. Es ist die Installation „Wasserzeichnungen“ von Kulturfahrschule-Mitinitiator Martin Leibinger, der den Master im Studiengang „Kunst im öffentlichen Raum“ an der Bauhaus-Universität in Weimar absolvierte.

Wasserproben aus umliegenden Baggerseen ziehen hauchdünne Linien im brüchigen Putz, je nach Verschmutzungsgrad entstehen dickere oder dünnere Linien, manche davon komplex wie eine abstrakte Grafik. Man muss sich schon bücken, um diesen grafischen Reiz zu entdecken.

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Kunst mit Bezug zur Öffentlichkeit, zu Ökologie – einer der roten Fäden, die sich durch die dritte und letzte Edition der Ausstellung „Wenden in drei Zügen“ in der Kulturfahrschule ziehen. Peter Buyer zeigt Fotografien von Autowracks in Island. Sein dokumentarisches Interesse an den Spuren, die der Mensch in der Natur hinterlässt, war auch schon in einer Ausstellung im Stadthaus zu verfolgen. Buyer geht mit augenzwinkernder Akribie vor, entwirft durch den Blickwinkel skurril-morbide „Memento mori“-Bilder des technischen Fortschritts.

Utopischer Charakter im raffinierten Blickwinkel

Die andere Seite, die schönen und ästhetischen Ansichten der Gegenwart, betrachtet Wendelin Traub aus Ulm durch die Fotografenlinse. Glänzende Fassaden von Parkhäusern, strahlend-farbige Neonlicht-Fassaden, U-Bahnhöfe, die dank eines raffinierten Blickwinkels und einer speziellen Präsentationstechnik utopischen Charakter bekommen. Traub baut mit seinem Bruder die dünnsten Leuchtkästen, die derzeit zu haben sind – er zieht seine Fotografien auf Folien, die von hinten dank superschlanker LED-Leuchttechnik ausbelichtet werden. Im abgedunkelten Präsentationsraum in der Kulturfahrschule ein fotografisches Statement zwischen vitaler Design-Ästhetik und Lichtkunst.

Jutta Angers Reisefotografien sprechen eine melancholische Sprache: Zurückhaltend beobachtet sie Länder, die sie bereist. Ihre Schwarzweiß-Fotos blicken auf Details, auf den Moment. Pop-Art-Frechheit im starken Kontrast von Tanja Mader, die Pandabärenköpfe oder Erdbeeren als Köpfe ihrer Frauenporträts einsetzt. Lisa Rudolf zeigt expressive Malerei – Porträts, Figuren mit wuchtigem Pinselstrich. Dirk Kählert produzierte Grafitzeichnungen bislang „für die Schublade“, in der Kulturfahrschule zeigt er seine surrealen, aus sanft gewischten Grafitschichten entwickelten Welten das erste Mal. Schön sei das, bekennt er, all diese Zeichnungen zum ersten Mal gerahmt und als Gruppe gehängt zu sehen.

Bei der Eröffnung erweiterte sich die Ausstellung gegen Abend via Projektion auf internationalen Maßstab: Über Großprojektion auf einer Wandfassade im Innenhof waren aktuelle Einblicke in die Arbeit von Nicolas Vionnet (Schweiz) und Wouter Sibum (Niederlande) zu sehen; sie stellen derzeit auf der „Biennale für junge Kunst“ in Moskau aus. Grace Bayer (Kolumbien) entwickelt aus Tattoos und Body Paintings Wandarbeiten mit Bezug zur menschlichen Anatomie. Für die „Kufa“ hat sie eine animierte Arbeit mit dem Titel „Beine“ gestaltet, die als Projektion zu sehen sein wird.

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