Mittwoch, 23. August 2017

16. Juli 2010 20:15 Uhr

Mathelehrer auf geflügelter Mission

Ulm Majestätisch erheben sich die gewaltigen Flügel in den Himmel, das Schwert blitzt in der Sonne. Der Engel des schwarzen Mondes mit seinem schulterlangen, dunklen Haar blickt finster, niemand sollte sich ihm in den Weg stellen. Doch als der Fotograf die Kamera senkt, lächelt der Todesengel wieder. In dem Kostüm steckt Rudolf Arnold, 56-jähriger Mathelehrer aus Ulm, der ein ungewöhnliches Hobby hat. Arnold alias Naisho ist einer der aktivsten und nach eigenen Angaben der älteste Cosplayer Deutschlands.

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Hinter dem Begriff Cosplay verbirgt sich eine Szene, die in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist. Zumindest in Europa: Denn Cosplay - kurz für "Costume Play" (Englisch für Kostümspiel) - ist ein Mini-Trend, der aus Japan seinen Weg nach Europa gefunden hat. Dort schlüpfen schon seit Jahren Fans in die Rolle ihrer Lieblingsfiguren aus Mangas (den japanischen Comics), Animes (Zeichentrickfilmen und -serien, zum Beispiel "Sailor Moon") und Videospielen. Das erinnert zuerst an kultige Treffen, wie sie etwa Fans der Serie Star Trek veranstalten, geht aber viel weiter. Denn die Figurenwelt der japanischen Populärkultur ist praktisch unerschöpflich - und viele Cosplayer geben sich sehr viel Mühe, ihre Helden so detailgetreu wie möglich darzustellen. In Deutschland sind es laut Arnold etwa 7000, die diese Begeisterung mit dem Ulmer teilen.

Er kam als Reporter - und ging als Fan

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Die Geburtsstunde des Cosplayers Naisho - der Name ist Japanisch und bedeutet "Geheimnis" - war der Herbst 2005. Für Radio Free FM, wo er sich neben seinem Beruf als Lehrer engagiert, reiste Japan-Fan Arnold für eine Reportage zur Anime-Convention Connichi nach Kassel - und traf dort zum ersten Mal auf die Verkleideten. "Da dachte ich mir: Das ist so toll, das mache ich auch", erzählt Arnold. Am Verkleiden habe er schon zuvor Freude gehabt, doch Cosplay biete viel mehr als der Fasching. Man ziehe eben nicht nur irgendein Kostüm an, sondern verwandle sich in eine ganz bestimmte Figur. Arnold sagt, als Cosplayer könne er Charaktere spielen, die seine Seele widerspiegelten.

Doch das mit der Verwandlung ist nicht so einfach, zumindest bei so aufwendigen Outfits wie denen von Naisho. Es braucht viele Handgriffe und mindestens vier Hände, bis aus dem Mathelehrer etwa der Todesengel aus der japanischen Manga-Serie "Angel Sanctuary" wird. Am Körper trägt Rudolf Arnold einen Körperschutz, wie ihn auch Motocross-Fahrer benutzen. Daran montiert sind vier Scharniere, auf die wiederum zwei Aluprofile gesetzt werden. An diesen wiederum werden mit Flügelmuttern die mit schwarzen Putenfedern geschmückten Flügel festgeschraubt, die so beweglich bleiben. Für ein anderes Kostüm, das des weißen Engels Titius, werden sogar sechs Flügel am Körperpanzer angebracht. "Geflügel" nennt Naisho diese Kostüme scherzhaft, sie sind in der Cosplay-Szene so etwas wie ein Markenzeichen des Ulmers geworden.

Seine Outfits stellt Arnold allesamt selbst her: ein Muss unter den Cosplayern, die an Wettbewerben teilnehmen. Und das ist bei seinen extravaganten Kostümen wahrlich eine Herausforderung. Aber eine, die Arnold gerne annimmt. So hat er sich für sein Hobby eine Nähmaschine und gleich zwei kabellose Heißklebepistolen angeschafft. Gerade für die Flügel musste er aber auch reichlich Hirnschmalz einsetzen. Lange hat er an der richtigen Anbringung getüftelt, für ein Apollo-Kostüm, das überirdisch im Licht glänzt, überzog er Leder mit Goldfolie.

Sein jüngstes Kostüm ist aber das technisch bisher aufwendigste: Als Kampfroboter "Sieben" aus dem Manga "Battle Angel Alita" sorgte Naisho jüngst bei der Ulmer Museumsnacht für Aufsehen. Mit einem Bedienelement, das auf der Brust angebracht ist, kann Arnold bei diesem Kostüm zwei Metallschwingen ausfahren, auf denen sich kleine Messer aus Plastik befinden, die von blauen LEDs beleuchtet werden. In einem richtigen Kampfroboter steckt kaum mehr Technik.

Die Hingabe an seine Hobbys ist für Studiendirektor Rudolf Arnold, der neben Mathematik auch noch Physik, Informatik und Bioinformatik unterrichtet, nichts Neues. Mit Begeisterung ist er noch immer beim Radio tätig, an der Schule betreut er mehrere EU-Modellprojekte. Doch dem Cosplay widmet er inzwischen am meisten Zeit, zumindest in den Ferien, wenn er an neuen Kostümen näht und tüftelt. Dazu kommen noch die zahlreichen Treffen und Messen, zu denen er als Naisho aufbricht - immer mit einem Kostüm im Gepäck. Andere Cosplayer bringen oft mehrere mit, nicht so Arnold: Zu aufwendig und platzraubend sind seine Kreationen, mit denen er die Aufmerksamkeit der zahlreichen Hobbyfotografen und Medienvertreter erregen will, die bei diesen Anlässen zugegen sind. Nach dieser Aufmerksamkeit sehnt sich jeder Cosplayer, der viel Zeit und manchmal auch Geld in sein Outfit investiert hat.

Dennoch sind in der Cosplay-Szene, die von Frauen dominiert wird, laut Arnold die jungen Verkleidungskünstlerinnen klar im Vorteil: Schönheit zieht die Objektive der Foto- und Fernsehkameras magisch an. "Als männliche Sailor Moon würde ich mich aber lächerlich machen", sagt Naisho und lacht. Auch deswegen sind seine Kostüme so auffällig und platzraubend. Und ein bisschen, das gibt Arnold zu, liegt es auch am Alter: Ein 56-Jähriger wird eben erst dann zum beliebten Fotomotiv, wenn sein Kostüm etwas Besonderes ist. Vorbehalte bei andern Cosplayern habe ihm sein Alter jedoch nie beschert, berichtet Arnold. Die Szene sei sehr offen gegenüber anderen. Zudem spielten Alkohol und Drogen - anders als in vielen anderen Jugendkulturen - praktisch keine Rolle. Noch ein Faktor, den Lehrer Arnold schätzt. "Cosplay ist für mich wie eine Droge", sagt er. "Und es hat keinerlei Nebenwirkungen."

Das beruhigt auch Rudolf Arnolds Familie, die sich auch erst einmal daran gewöhnen musste, dass der Vater sich plötzlich in seiner Freizeit gerne geschminkt und mit riesigen Flügeln vor die Haustür wagt - selbst können sich Arnolds Frau und seine heute 24-jährige Tochter nicht für das Cosplay begeistern. Die Tochter kommentierte Papis neue Leidenschaft mit den - laut Arnold lieb gemeinten - Worten: "Papa, du hast einen an der Klatsche." Ihr Vater antwortete damals fix: "Wer Mathe studiert hat, muss einen an der Klatsche haben."

Zu bremsen ist Naisho ohnehin nicht mehr. Denn zu alt für das Cosplay fühlt er sich noch lange nicht. Stattdessen ist er mit seinen Gedanken schon wieder bei den Plänen für die kommenden Monate. Als Nächstes will er die gefiederten Flügel mit der Technik von "Sieben" beweglich machen. Naishos geflügelte Mission ist noch lange nicht beendet.

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Ulm | Japan | Manga | Deutschland | Kassel | Drogen

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