Neu-Ulm Sinkende Geburtenraten, der Ruf nach verbesserter Kinderbetreuung oder zu hohe "Reparaturkosten" für versäumte Erziehung - diese Themen schaffen es in die Schlagzeilen. Doch für das Paar an sich interessiere sich kaum jemand, bedauert Markus Wonka, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen. Dabei könnten sich Mann und Frau viele Sorgen ersparen, wenn sie besser gewappnet wären - für Familiengründung und Kinderkriegen. Von Stephanie Schuster
Denn was an sich ganz einfach klingt, ist heutzutage eine komplexe Angelegenheit. Immer mehr junge Paare bis 30 holen sich deshalb Beistand bei der Beratungsstelle: Während diese Gruppe vor fünf Jahren nur 18 Prozent der Klienten ausmachte, waren es 2009 bereits 25 Prozent. Woran das liegt? Viele junge Paare gehen mit großen - oftmals leider unerfüllbaren - Erwartungen in eine Beziehung, heiraten, bekommen ein Kind. "Und dann folgt der große Schock", sagt Wonka.
Wie bei folgendem Paar, er Soldat, sie Krankenschwester: Am Anfang der Beziehung gingen sie viel aus, zum Tanzen oder ins Kino. Dann wurde geheiratet, zwei Kinder machten das Familienidyll perfekt. Bis sie es zu Hause nicht mehr aushält. "Die sagte zu mir, sie muss da raus", erzählt Wonka. Was in diesem Fall passiert ist, nennt Wonka, der promovierte Theologe und Diplom-Psychologe, "schleichende Traditionalisierung": Die Frau hört auf zu arbeiten, wird finanziell abhängig, fühlt sich nicht wertgeschätzt. Während er sich dem Beruf widmet, bleibt die Hausarbeit an ihr hängen. "Dadurch rutscht die Frau in ein klassisches Rollenmodell, für das sie sich nie entschieden hat." Es folgen Vorwürfe - und schon hat die Beziehung einen Knacks.
Was vor 50 Jahren noch selbstverständlich war, decke sich heute nicht mehr mit den Erwartungen der jungen Paare. In der heutigen Zeit ist es normal, dass beide ihr Geld verdienen, die Frauen haben in Sachen Ausbildung mehr als aufgeholt. "Und trotzdem sind plötzlich viele Paare auf einmal so wie ihre Eltern, obwohl sie das nie wollten", sagt Wonka.
Die "Rushhour des Lebens" mache es den jungen Menschen zusätzlich schwer: Im Alter zwischen 25 und 40 sollen sie alles auf die Reihe kriegen - Karriere machen, Häusle bauen, Kinder in die Welt setzen. Das erfordert Kompetenz, vor allem Kommunikationsfähigkeit. "Denn heutzutage gibt es keine vorgegebenen Rollenmuster mehr, das Paar muss alles selbst aushandeln", sagt Wonka. Wer auf was verzichtet, ob beide weiter arbeiten, wer putzt und wer den Abwasch macht. Der ausgebildete Paar- und Familientherapeut hilft dabei.
Die zweite große Gruppe, die zunehmend bei Markus Wonka und seinen zehn Mitarbeitern auf Honorarbasis Hilfe sucht, bilden ältere Paare um die 50: geordnetes Leben, materiell abgesichert, die Kinder sind aus dem Haus. Auf einmal fallen die gemeinsamen Aktivitäten mit der Familie weg - doch die Zweisamkeit ist man gar nicht mehr gewohnt. "Aber heute haben solche Paare theoretisch noch 40 gemeinsame Jahre vor sich", sagt Wonka. Ein guter Grund, etwas zu unternehmen und an der Beziehung zu arbeiten.
Was Markus Wonka seinen Klienten in der Beratung auftischt, ist übrigens nicht nur das Gerede eines Theoretikers. Der 37-jährige zweifache Vater weiß, wovon er spricht: "Mein Vorstellungsgespräch für diese Stelle hatte ich am Tag der Geburt unserer zweiten Tochter." Hals über Kopf sei die Familie daraufhin umgezogen, seine Frau gab ihren Beruf auf. Während er von früh bis spät im Büro saß und die Wochenenden in der Uni-Bibliothek verbrachte, um an seiner Promotion zu arbeiten, saß sie zu Hause, Freunde und Bekannte waren weit weg. "Da bin ich selbst als Fachmann an meine Grenzen gestoßen." Zur Beratungsstelle zu kommen, sei deshalb kein Beinbruch. Dafür müsse sich niemand schämen. "Denn wenn das Auto kaputt ist, fahren wir ja auch in die Werkstatt."
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