Donnerstag, 28. Juli 2016

28. September 2015 00:43 Uhr

Theater

Szenen einer vergifteten Ehe

Mutter und Vater trauern im Podium um den Sohn – und ihre Beziehung. Das bewegt Von Dagmar Hub

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Wie viele Gesichter kann ein Schauspieler innerhalb von 75 Minuten zeigen? Wie viele Emotionen in einem einzigen Stück glaubwürdig ausdrücken? Genial gespielt und großartig auf die Bühne gebracht, geht Ute Rauwalds Inszenierung „Gift. Eine Ehegeschichte“ im Podium des Theaters Ulm dem Publikum unter die Haut. Auf selten in solcher Dichte gesehene Weise nutzen Tini Prüfert und Fabian Gröver die Nähe zwischen Schauspieler und Zuschauer, die das Podium bietet. Die Begegnung zweier Menschen, die einst Liebe verband und die an der Trauer um das tödlich verunglückte einzige Kind Jacob scheiterten, lotet die Tiefen menschlichen Tuns und Empfindens aus.

An jenem Silvesterabend 2005 hielt er es nicht mehr aus. Jenes Silvester nach dem Tod des einzigen Sohnes Jacob, der auf der Straße von einem Auto überfahren wurde. Maschinen erhielten ihn am Leben. Neun Minuten überlebte das Kind deren Abschalten. Der Mann trauert um das geliebte Kind. Doch er trauert anders als seine Frau, die sich an ihr Leiden klammert und sich unerreichbar macht, so sehr, dass der Mann Angst hat, sie schlagen zu wollen, nur um ihr im physischen Schmerz bewusst zu machen, dass sie sich gegen jedes Spüren eingemauert hat. Irgendwann trauert der Mann um das Lächeln der Frau. Um die Liebe, die sie verband. Um das Leben. 19 Uhr und zehn Minuten war es am Silvesterabend 2005, als der Mann seine Koffer gepackt hatte und ging. Seine Frau hielt ihn nicht auf.

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Fast zehn Jahre später erreicht ein Brief den Mann, der inzwischen in der Normandie lebt, eine neue Beziehung einging und dessen Frau schwanger ist: Er soll zum Friedhof kommen, auf dem Jacob begraben ist. Wegen des Fundes von Gift in der Erde sollen 200 Gräber umgebettet werden, darunter Jacobs Grab. Ein Trick der Mutter, wie sich herausstellt. Die Frau wollte ihn wiedersehen. Will gemeinsame Trauer, will Aufarbeitung.

Fabian Gröver und Tini Prüfert zeigen außerordentliches Einfühlungsvermögen in die beiden Figuren, die ihr Kind, sich selbst und danach einander verloren. Im Foyer der Friedhofshalle durchleben Mann und Frau zwischen Kerzen und Blumengesteck die bedrückenden ersten Momente des Wiedersehens, aufflammende Erinnerungen an das Glück ihrer jungen Liebe, damals vor 22 Jahren. Die Fetzen fliegen, zynische Beleidigungen fallen und zärtliche Berührungen geschehen, die die frühere echte Verbindung zweier Menschen fühlbar machen – und die Gründe, warum Jacobs Tod sie auseinandertrieb.

Jeder Augenblick emotional überzeugend

Prüfert schlüpft eindrucksvoll in die Rolle der Frau, die sich seit zehn Jahren das Lächeln verbietet, weil nur die gelebte Sucht nach dem Leid ihr ermöglicht, den geliebten Sohn in ihr zu bewahren. Fabian Gröver spielt bis ins Detail glaubwürdig den Vater Jacobs, der sich damit abgefunden hat, dass ihm das Kind jeden Tag seines Lebens fehlen wird, der aber trotzdem das Leben spüren will. Kein Moment übertrieben, jeder Augenblick emotional überzeugend – das hat Tiefgang, der derart nah geht wie selten auf der Bühne. Das starke Ende sei nicht verraten. Wohl aber, dass „Gift. Eine Ehegeschichte“ unbedingt sehenswert ist.

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Silvesterabend | Ulm | Normandie

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