Herrlingen Die Fassade von Emmas Welt ist glatt und makellos: Ihre Ehe mit dem deutlich älteren Bernhard funktioniert im Wohlstand. Jeder lebt sein Leben, sie erzieht die beiden Kinder, die ihr Mann mit in die Ehe brachte. Doch es ist kalt in Emmas Ehe, wortlos kalt, gefühllos kalt. Pullover, Fleece-Schlabberhosen, Puls- und Wadenwärmer samt Wolldecke ersetzen Emma innere Wärme in Walter Freis Inszenierung „Gut gegen Nordwind“, in der – nach dem gleichnamigen Briefroman von Daniel Glattauer – Celia Endlicher und René Grünenfelder das Publikum mit hinreißendem Spiel, tieftraurig und unendlich zärtlich, in ihren Bann ziehen.
Dann ist es ein vertippter Buchstabe, der Emmas Wohlanständigkeit ins Wanken bringt. Eine Mail, mit der die junge Frau ein Abo kündigt, läuft falsch und landet bei Leo, der ein Wortmensch ist wie Emma, der zwischen den Zeilen lesen kann. Leo verdaut gerade eine gescheiterte Beziehung. Keine Situation, aus der eine Liebe entstehen könnte, zumal die aus dem Zufall entstandene Kommunikation beider von der Lust am Schreiben, von schnippischem Spott und Schlagfertigkeit geprägt ist. Doch die Mails, gesendete und empfangene spontan-ehrliche Momentaufnahmen, schaffen intensive Vertrautheit, die wärmendes Glück verströmt.
Leo und Emma begegnen einander nicht, sie kennen die äußeren Lebensumstände wechselseitig nicht. Ehebruch? Es scheint nicht nötig, sich an diesen Gedanken heranzutasten, wenn man nicht einmal weiß, wie das Gegenüber aussieht. Dieses Gegenüber aber, sagt die Seele, ist von der ersten Mail beim Aufwachen bis zum letzten „Gute Nacht!“ der vertrauteste Mensch; in Momenten der Ehrlichkeit wissen beide um die wechselseitig in Kopf und Seele des anderen aufgeschlagenen Zelte.
Augenblicke der Distanz geschehen, wenn die Sehnsucht nach dem ganz konkreten Treffen, nach den Zärtlichkeiten echter Berührungen, mit der Angst kollidiert: Was ist, wenn die Realität der Begegnung den aus Buchstaben gebauten inneren Bildern nicht standhält? Wenn die am Bildschirm entstandenen Emotionen unter der Enttäuschung der anderen Sinne zerbrechen? Hinter jener Angst steht unangetastet eine noch stärkere, für Emmi und Leo nicht durchdenkbare: Was wird, wenn die Wirklichkeit den Emotionen standhalten sollte? Was wird, wenn die längst in der Unbeherrschbarkeit der nächtlichen Träume geschehene Nähe greifbar wird? Was wird aus Emmis Ehe, ihrer Pflicht gegenüber den Kindern?
Ein Kuss im Dunkeln soll erster Schritt in die Realität werden
Emmas Mann Bernhard, der die Mappe mit den ausgedruckten Mails findet, konfrontiert den sensiblen Leo. Der erzwingt ein Ende der seelischen Beziehung. Zuvor aber soll der Sprung in die andere Dimension, in die Wirklichkeit, behutsam geschehen; ein erster Kuss im Dunkel soll der Sehnsucht nach Berührung den Vorrang vor den leichter zu täuschenden Augen geben.
Doch als Emma das Haus verlassen will, zerstört ein falscher Buchstabe ihren Mut: Ihr Mann nennt sie „Emmi“, wie es allein Leo tut. Emma begreift – und bleibt, ahnend, dass ihre Ehe mit Bernhard ohne die Mails von Leo, der tief verletzt und mit sofort geänderter Mailadresse für Emmi unerreichbar ist, noch leerer, noch unerträglicher sein wird. (köd)
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