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02. Dezember 2011 23:00 Uhr

Angstkampagne im Landkreis Neu-Ulm

Wenn Neonazis Masken tragen

Unbekannte hängen in Weißenhorn Plakate mit rechtgerichteten Inhalten auf. Zettel deuten auf mysteriöse Gruppe namens „Die Unsterblichen“ hin. Die Staatsschützer sind alarmiert.

Bedrohliche Szene: In der Nacht zum Donnerstag haben Unbekannte Plakate mit rechten Botschaften in Weißenhorn aufgehängt. Die Texte – hier unkenntlich gemacht – werben für eine mysteriöse Gruppe, die sich „Die Unsterblichen“ nennt.
Foto: Brücken

Sie kamen in der Dunkelheit mit Kleister und Papier: Unbekannte haben in der Nacht zum Donnerstag in Weißenhorn (Landkreis Neu-Ulm) zwölf Plakate mit politisch rechten Inhalten aufgehängt. Sie suchten die Städtische Realschule und einen Supermarkt heim. Die Zettel verweisen auf eine mysteriöse Gruppierung, die sich „Die Unsterblichen“ nennt. Ihre Mitglieder treten maskiert auf und brüsten sich im Internet mit demokratiefeindlichen Aussagen. Staatsschützer sind alarmiert: Noch ist unklar, ob es sich bei den Plakatierern um örtliche Neonazis oder Mitglieder eines bundesweit agierenden Netzwerkes handelt. Polizeistreifen suchten die Weißenhorner Innenstadt nach weiteren Plakaten ab. Die Kriminalpolizei Neu-Ulm ermittelt: Die Texte der Zettel werden auf „strafrechtlich relevante Inhalte“ geprüft, sagte Kripo-Sprecher Ulrich Feistle gestern.

Bedrohliche Szene vor einem Plattenbau

Das Foto auf dem Plakat zeigt eine bedrohliche Szene: Fünf Männer stehen nebeneinander vor einem Plattenbau, die Arme verschränkt. Sie tragen weiße Masken, darunter zwei Schriftzüge: „Dein kurzes Leben mach’ unsterblich“ und: „Damit die Nachwelt nicht vergisst, dass Du Deutscher gewesen bist.“ Dann ein Hinweis auf die Homepage der „Unsterblichen“. Dort outet sich die Gruppe als demokratiefeindlich: Sie seien „junge Deutsche“, die gegen das „Schandwerk der Demokraten“ demonstrieren wollten, heißt es in weißer Schrift auf schwarzem Grund. Es folgen wirre Theorien über die Verteilung menschlichen Erbguts und Tipps für eine Maskierung zum Schutz vor der Polizei. Wer weiter klickt, stößt schnell auf beklemmende Videos: Wackelige Bilder zeigen Hunderte Maskierte, die mit Fackeln völlig unbehelligt durch eine Innenstadt ziehen, dazu pathostriefende Gesänge und Heavy-Metal-Musik.

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Als der Weißenhorner Supermarkt am Donnerstagmorgen öffnete, hingen die Plakate schon: Um kurz nach 7 Uhr bemerkte ein Kunde die Zettel auf dem Häuschen für die Einkaufswagen – und verständigte das Personal. „Ich bin sofort raus und habe die Plakate abgerissen“, sagt die Marktleiterin im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Fotos der Maskenmänner und ihre deutschtümelnden Phrasen landeten flugs im Mülleimer. Nur ein bisschen Kleister sei zurückgeblieben. Anzeige hat die Frau nicht erstattet: „Es ist kein Schaden entstanden.“ Der Supermarkt sei zum ersten Mal Ziel von Vandalen geworden – auch wenn das Häuschen wohl dazu einlade: „Nachts kann da ja jeder hin.“ Für große Aufregung hätten die Pamphlete nicht gesorgt: „Ich gehe davon aus, dass das eine einmalige Sache bleibt.“

Auch die Städtische Realschule haben die Unbekannten heimgesucht: Morgens gegen 6.45 Uhr bemerkte der Hausmeister die Plakate im Eingangsbereich. Zusammen mit Konrektor Manfred Till entfernte er die Zettel. Als gegen 7.15 Uhr die ersten Schüler eintrafen, waren bereits alle Spuren beseitigt, sagt Till. Den Inhalt der Plakate wollt er zwar nicht interpretieren. Eine Meinung dazu hat er trotzdem: „Gottseidank kommt das nicht öfter vor.“ Einen Zusammenhang zwischen Plakaten und Realschule schließt der Konrektor aus: „Der ist absolut nicht vorhanden.“

 

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Plakatierer an der Realschule „Werbung für ihre Sache“ machen wollten. „Wir nehmen den Vorfall sehr ernst“, sagt Hubert Schneider von der Weißenhorner Polizei.

Verfasser könnten gegen Impressumspflicht verstoßen

Unter anderem soll nun geprüft werden, ob die anonymen Verfasser der Zettel gegen die Impressumspflicht verstoßen haben – Urheber sind nicht genannt. Die Polizei werde wachsam bleiben, kündigte Schneider an: „Solche Plakate werden wir unter keinen Umständen tolerieren.“

Der Staatsschutz hat die „Unsterblichen“ bundesweit schon seit längerer Zeit im Blick, bestätigt Kripo-Sprecher Feistle. „Sie sind häufig mit Transparenten und Plakaten unterwegs.“ In der Region sei die Gruppe zum ersten Mal Ende Oktober aufgetreten: In Günzburg wurden Werbetafeln mit Plakaten überklebt. Derzeit wird wegen Sachbeschädigung ermittelt. Ob die maskierte Schar als rechtsradikal einzustufen ist, sei fraglich. „Wir wissen nicht, wie extremistisch sie veranlagt sind“, so Feistle. Die Aussagen der Plakate seien jedoch „klar politisch rechts“. Nach Auffassung Feistles ist die Gruppe ein Teil der sogenannten neuen rechten Szene, die sich in Kleidung und Auftreten „vom Klischee des Neonazis“ abzusetzen versuche. „Springerstiefel, Gleichschritt und Gegröle sind inzwischen weitgehend passé.“ Doch braune Parolen und Hass bleiben offenbar: „Wir prüfen, ob die Plakate ein Fall für den Staatsschutz sind.“

Im Kreis Neu-Ulm machen Rechtsradikale immer wieder von sich reden. So marschierten sie etwa zum 1. Mai in Ulm und Neu-Ulm auf. Vor wenigen Wochen schmierte ein Unbekannter rechtsradikale Symbole auf die Schießener Kirche. Anhänger der rechten Szene treffen sich regelmäßig im Illertal.

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