Donnerstag, 22. Februar 2018

03. Februar 2018 06:00 Uhr

Nersingen/Ulm

Wie wertvoll war die Telefunken-Sammlung in Nersingen?

Die Exponate sind der Firma Hensoldt zufolge vorwiegend Holz- oder nicht funktionsfähige Ansichtsmodelle. Dem widersprechen Technikexperten. Von Dagmar Hub

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Am Dienstag wurden die Exponate in Nersingen abgeholt.
Foto: Gottfried Bergmann

Die Anordnung der Unteren Ulmer Denkmalbehörde, dass keine weiteren Stücke der AEG-Telefunken-Sammlung aus Nersingen entfernt werden dürfen, kam zu spät: Die Exponate wurden zu einer Entsorgungsfirma im Ulmer Donautal transportiert, wo man bereits am Donnerstag mit der Verschrottung begann. Davor, dass Exponate als Schrott auf dem Müll landen könnten, hatte Detlev Gröbe – einer der ehemaligen AEG-Telefunken-Mitarbeiter, die sich um die Sammlung auf dem Firmengelände in der Ulmer Wörthstraße 85 gekümmert hatten – bereits im Juli 2016 eindringlich gewarnt. Damals wurde bekannt, dass etwa tausend Exponate vom Ulmer Gelände sollten. Nach Informationen, die unserer Zeitung vorliegen, hatte Richard Gebler, Facility Manager von Airbus Defence and Space, damals mit der Gemeinde Nersingen und dortigen Freundeskreisen über die Einrichtung einer Präsentation in einem ehemaligen Muna-Bunker gesprochen.

Unter den am Dienstag aus einer Halle in Nersingen abtransportierten Geräten (wir berichteten) ist auch der Prototyp eines Hochfrequenz-Schreibfunktrupps A, eines von 1986 bis 1990 entwickelten digitalen Funksystems. Solche auf kleinen Lkws in einer Kabine transportablen Hochfrequenz-Geräte waren entwickelt worden, um im Verteidigungsfall alarmieren zu können, falls es zu Telefonausfällen käme. Der Ulmer Pressestabsoffizier Karsten Dyba erklärt dazu: „So ein museales Stück darf man nicht einfach verschrotten. Schade!“

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Ulm war bezogen auf Funktechnik einer der wichtigsten Rüstungsstandorte. Oberstleutnant Heiko Müller, Experte für Funktechnik, nennt es „ein Trauerspiel“, was durch die Entsorgung der Exponate geschehen sei. „Gerade in Ulm!“ Es tue in der Seele weh, wenn solche Geräte, an denen die technischen Funktionsweisen noch nachvollziehbar waren, verschrottet werden. Müller würde sich die Einrichtung eines Technikmuseums in der Wilhelmsburg wünschen – vor allem wegen der in Ulm gebauten Feuerwehr- und Funktechnik. Das Beispiel der Firma Hymer und ihres Museums zeige, dass ein solches Konzept toll funktionieren kann.

Nach Informationen von Marlies Gildehaus, Pressesprecherin der Stadt Ulm, stand die Sammlung grundsätzlich als „bewegliches Kulturdenkmal“ unter Schutz. Das bedeutet, dass eine Sammlung oder Teile daraus nicht ohne Zustimmung der Denkmalbehörde verändert, bewegt oder veräußert werden dürfen. Allerdings habe das Landesdenkmalamt aus Zeitgründen – seit dem 7. November 2016, als die Ulmer Untere Denkmalbehörde die Sammlung des Museums „Radar und Funk“ samt ihrem Archiv unter Schutz stellte – die Wertigkeit der einzelnen Exponate noch nicht beurteilt. Es sei „also noch keine Unterscheidung getroffen worden, was tatsächlich als technikhistorisch relevantes Kulturgut zu gelten habe und was nicht“.

In Nersingen hätten sich nur „die Werkstattausrüstung sowie einige wenige Großexponate“ befunden, bei denen es sich nach Auskunft der Firma Hensoldt „vorwiegend um Mobiliar aus der Werkstatt sowie um Holzmodelle und um einige nicht funktionsfähige, aus Ersatz- oder Ausschussteilen zusammengefügte Ansichtsmodelle“ gehandelt habe. Dieser Darstellung widerspricht der frühere AEG-Telefunken-Ingenieur Fritz Arends: Unter den Großexponaten befanden sich zwei funktionsfähige Stationen des Funk-Kommunkationssystems FARCOS sowie unersetzliche Teile der Kurzwellensendeanlage Wertachtal.

Das Schriftgut der Sammlung befindet sich inzwischen beim Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg im Schloss Hohenheim. Die Stadt Ulm will mit Hensoldt regeln, wie mit den verbleibenden Teilen der Sammlung weiter verfahren werden könne, so die Pressemitteilung.

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