Neu-Ulm Die in Neu-Ulm stationierte Sondereinheit der Polizei für den Kampf gegen die organisierte Kriminalität wird im Zusammenhang mit ihren Ermittlungen in dem vergangene Woche entdeckten Schwindel mit gefälschten Arzneimittelrezepten auch der Frage nachgehen, ob Gelder aus diesen illegalen Geschäften auch für den "Heiligen Krieg" von Islamisten verwendet worden sind. Dies kann offenbar nicht ausgeschlossen werden, da der hauptverdächtige Apotheker aus dem Raum Tübingen in enger Verbindung stand mit der islamistischen Szene in Neu-Ulm. Er hatte das Gebäude, in dem bis zu seiner Schließung das Multikulturhaus untergebracht war, den in der Region lebenden Religionsfanatikern zur Verfügung gestellt. Nachdem auch zwei Ärzte aus Neu-Ulm im Verdacht des Rezeptbetruges stehen, prüft die AOK in Günzburg, ob auch sie Opfer der betrügerischen Machenschaften geworden ist. Der Fall hat mehrere Fragen aufgeworfen: Funktionieren die Kontrollmechanismen der Krankenkassen? Genießen die Ärzte grenzenloses Vertrauen? Wie konnten mit einem so simplen Trick Millionen erschwindelt und die Beitragszahler betrogen werden? Von Roland Ströbele
In Gang gekommen sind die Ermittlungen gegen den Tübinger Apotheker und die Ärzte durch einen Hinweis eines Zeugen, der seine Wahrnehmungen den Ermittlungsbehörden offenbart hatte. Daraufhin kam es zu einer bundesweiten Razzia, bei dem Wohnungen und Praxen von Ärzten und auch die Räume des Tübinger Apothekers gefilzt wurden. Dabei ist, wie der Leitende Oberstaatsanwalt Dr. Johannes Kreuzpointner gestern auf Anfrage erklärte, umfangreiches Material sichergestellt worden, dessen Auswertung nun bei der auf solche Fälle spezialisierten Kriminalpolizei mit zentralen Aufgaben (KPIZ) noch mehrere Wochen dauern wird.
Der Trick, mit dem die Ärzte, die mit dem betrügerischen Apotheker unter einer Decke steckten, arbeiteten, ist denkbar simpel. Ein Arzt stellt ohne Wissen seines Patienten ein Rezept für ein Medikament aus und schickt dieses Rezept an den Apotheker. Der rechnet mit der Krankenkasse ab, ohne dass je irgendjemandem ein Medikament ausgehändigt worden ist. Der Gewinn aus diesem illegalen Geschäft wurde möglicherweise aufgeteilt.
Im Falle des Apothekers interessieren sich Kriminalpolizisten und Staatsschützer natürlich auch für die Frage, was der aus Ägypten stammende Apotheker mit dem vielen Geld gemacht hat. Ob er damit möglicherweise die Anwerbung von "Gotteskriegern" finanziert und damit den "Heiligen Krieg" radikaler Islamisten unterstützt hat, ist nur eine von vielen Fragen, die sich für die Ermittler stellen. Mehrfach hatten die Fahnder Anhaltspunkte dafür gefunden, dass im inzwischen geschlossenen Multikulturhaus und im verbotenen Trägerverein Geld für solche Zwecke gesammelt worden ist.
Noch ist das ganze Ausmaß des Rezeptschwindels nicht erkennbar. Bislang gehen die Ermittlungsbehörden davon aus, dass die betroffenen Krankenkassen und damit die ehrlichen Beitragszahler um Millionen betrogen worden sind. "Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch wir zu den Opfern gehören", sagte gestern Alfred Seitz, Pressesprecher der auch für den Landkreis Neu-Ulm zuständigen Direktion der AOK in Günzburg.
Zwar gebe es sehr wohl verschiedene Kontrollmechanismen, die aber nie einen hundertprozentigen Schutz gegen derartige Betrügereien geben könnten. Sowohl die AOK als auch die Kassenärztliche Vereinigung würden immer wieder Plausibilitätsprüfungen durchführen und etwaigen Auffälligkeiten nachgehen, zum Beispiel wenn ein Arzt ungewöhnlich viele Arzneimittel an einen Patienten verschreibe. Sollte sich herausstellen, dass auch die AOK Günzburg Opfer der betrügerischen Machenschaften geworden ist, werde sie sofort Regressansprüche gegen die Ärzte und den Apotheker geltend machen, kündigte Alfred Seitz gestern an.
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