Mittwoch, 13. Dezember 2017

28. November 2015 05:43 Uhr

Neuburg

Das sagt ein Tornado-Pilot zum Einsatz in Syrien

Oberstleutnant Siegfried Beck ist der erfahrenste Kampfjet-Pilot Deutschlands. Er flog im Kosovo und in Afghanistan Einsätze und spricht offen von Angst und einem Abschiedsbrief.

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Umgerechnet war der 51-jährige Oberstleutnant Siegfried Beck mehr als 32 Wochen in der Luft. Damit ist der stellvertretende Kommodore des Neuburger Geschwaders der erfahrenste Jet-Pilot Deutschlands.
Foto: Xaver Habermeier

Als Tornado-Pilot Siegfried Beck in der Nacht vor dem Einsatz in seinem Hotelzimmer in der italienischen Stadt Piacenza sitzt, fängt er an zu schreiben. Er schreibt alles nieder, was er seiner Frau noch sagen will, sollte der Einsatz am nächsten Morgen oder einer der späteren Flüge in der Katastrophe enden. „Als ich den letzten Einsatz überstanden hatte, habe ich den Brief verbrannt“, erzählt der Oberstleutnant, der im Kosovo-Krieg 1998 noch auf dem Lechfeld stationiert war.

Beck ist stellvertretender Kommodore des Neuburger Luftwaffen-Geschwaders, lebt in Schwabmünchen, im südlichen Augsburger Landkreis, und gilt mit mehr als 4300 Tornado-Flugstunden als der erfahrenste Jet-Pilot Deutschlands. Rechnet man die anderen Militärflugzeuge wie den Eurofighter mit ein, kommt der 51-Jährige auf über 5500 Stunden in der Luft. Vor seiner Neuburger Zeit, die im Juni begann, war er Ober-Standardisierer in Köln, der ranghöchste Lehrer der Luftwaffe. Kurzum: Siegfried Beck weiß, was in einem Piloten vorgeht, der in den Krieg zieht.

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Seit Donnerstagabend ist es amtlich, dass die Bundeswehr Aufklärungsarbeit im Kampf gegen den selbst ernannten Islamischen Staat leistet. Die Bundesregierung schickt Tornados des Typs Recce nach Syrien. Recce, eine Kurzform aus dem Militär-Jargon, steht für Reconnaissance: Aufklärung. Sie tasten das Gebiet aus der Luft ab, fotografieren feindliche Stellungen, Brücken und Straßen in dem unbekannten Gebiet und sind zur Verteidigung mit zwei IRIS-T-Raketen ausgestattet, sollte es zum Luftkampf kommen, erklärt Beck. Dazu kommen Störsender und Ausrüstung, die feindliche Raketen vom Tornado ablenken sollen. Das ist die Fassade, von der in den letzten Tagen viel zu lesen ist. Doch hinter dem Material verbirgt sich immer ein Mensch.

Genau genommen: „Zwei“, sagt Beck. Als er damals nach den Einsätzen im Kosovo sicher auf italienischem Boden gelandet ist, ist es zum Brauch geworden, dass sein Navigator ihm einen Schokoriegel nach vorne gereicht hat. Durchatmen, zubeißen, geschafft.

Mit seiner Familie telefonierte Beck in Geheim-Sprache

Der Jet-Pilot lebt von und mit seinen Automatismen, erklärt der Oberstleutnant. Wenn er vor den Einsätzen seinen Overall übergestreift hat, ist noch Platz für Gedanken. In dem Moment, wenn die Triebwerke starten, fängt der Film an. „Man funktioniert einfach“, sagt Beck. Wie im Training.

Als der Jet-Pilot vom Abschiedsbrief an seine Frau erzählt, kommen diese Gefühle wieder in ihm hoch, die er vor 17 Jahren zum ersten Mal verspürt hat. Die Einsätze hat er verkraftet, besser als andere. Er sagt, die Piloten haben einander zugehört. Es sei ungeschriebenes Gesetz gewesen, dass man sich am Abend an der Hotelbar traf, um so offen es geht über den Einsatz zu sprechen und über die Gefühle, die man dabei gespürt hat. Psychologen waren vor Ort, die halfen, die Eindrücke und die Ängste zu verarbeiten. „Wir durften nicht über die Einsätze reden, nur mit den Kameraden.“

Mit seiner Familie hat Beck geheime Codes vereinbart, weil das serbische Militär die Telefonleitungen abhören könnte. „Ich geh zum Sport“ hieß übersetzt: „Ich habe gleich einen Einsatz.“ „Flutlichtspiele“, dass es sich um einen Nachtflug handelt, erinnert sich Beck an die Einsatzzeiten zurück.

Im Kosovo haben die Piloten nicht nur überwacht und das Gebiet vermessen oder abgelichtet, sie haben auch angegriffen. Die Radarstationen der Serben mit sogenannten HARM-Raketen, eine Abkürzung für High-Speed-Anti-Radiation-Missile. Auch die Serben haben Geschütze abgefeuert. Einmal konnte er die Rakete vom Cockpit aus sehen, sagt Beck. Spätestens dann ist dem Piloten bewusst, dass nicht wie im Training eine Simulation abläuft, sondern tatsächlich Menschen auf Menschen feuern. Die Rakete war nicht für ihn bestimmt, sagt Oberstleutnant Beck.

Oberstleutnant Beck flog mehrere Einsätze im Kosovo, nie länger als zwei bis vier Wochen am Stück. In Afghanistan war er dreimal, jeweils für sechs Wochen stationiert. Afghanistan war anders. Man hatte keine Angst vor Flugabwehr-Geschossen, weil es keine gab. Einzelne Taliban-Kämpfer liefen mit ihren sogenannten Manpads – eine Art Panzerfaust zur mobilen Flugabwehr – auf den Dörfern umher, sagt der Oberstleutnant. Doch einerseits feuerten sie die Waffe nur selten ab, weil mit einem Schuss ihr Alleinstellungsmerkmal in die Luft ging, mit dem sie ihre Landsleute beeindrucken wollten. Andrerseits drohte den Piloten in mehr als 5000 Fuß, also rund 1500 Metern Höhe wenig Gefahr. Noch heute erzählt er seiner Familie, wie schön dieses Land sei, von oben betrachtet.

Beck vergleicht den Islamischen Staat mit Kosovo

Wenn der Oberstleutnant den Islamischen Staat vergleichen müsste, dann eher mit dem Kosovo als mit Afghanistan. Er rechnet mit Gegenwehr, auch wenn er sich selbst nur am Rande mit dem Einsatzgebiet beschäftigt hat und nicht mutmaßen will. Doch dass die Islamisten mit stärkeren Geschützen als die Taliban ausgestattet sind, steht für ihn außer Frage. Es sei noch nicht bekannt, welche Piloten vom Stützpunkt in Schleswig in den Nahen Osten entsandt werden. Doch er kennt sie. Er hat sie zum Teil selbst ausgebildet.

Im Afghanistan-Einsatz war Beck schon älter als Jet-Piloten bei der Bundeswehr normalerweise sind. „Eigentlich ist mit 41 Schluss“, sagt der 51-Jährige. Er sei die große Ausnahme. Solange der Militärarzt ihm noch grünes Licht gibt, fliegt Beck weiter. Momentan nicht mehr im Tornado, sondern im Eurofighter am Flugplatz.

Wenn man ihn fragt, ob er damit rechnet, dass Neuburger Piloten im Nahen Osten Einsätze fliegen werden, antwortet Beck: „Ich würde niemals nie sagen.“ Doch momentan könne davon keine Rede sein. Nach Syrien werden Aufklärer und keine Jäger geschickt.

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Ein Artikel von
Bastian Sünkel

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