Jahrelang war ein Ingolstädter seiner Heimat ferngeblieben, aus Angst vor dem Gefängnis. Doch dann trieb es ihn zurück, direkt in die Arme der Justiz. Das Gericht verließ er dennoch als freier Mann. Von Luzia Riedhammer

Als der Mann im April am Flughafen in München angekommen war, da haben ihn die Polizisten schon erwartet. Sie wussten, mit welchem Flieger er anreisen würde aus dem sonnigen Mexiko. Und er wusste, dass er von der Polizei empfangen wird. Vom Flughafen ging es direkt ins Gefängnis nach Neuburg. Dort blieb der Ingolstädter bis gestern, fünf Monate lang. Das Gericht aber verließ der Drogendealer als freier Mann - obwohl ihn die Kammer unter Vorsitz von Paul Weingartner gestern zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt hatte.
Es war vieles ungewöhnlich an diesem Prozess. Am ungewöhnlichsten vielleicht das Motiv, das den Mann in die Hände der Justiz getrieben hat: Heimweh. Fast 20 Jahre lang hatte er Deutschland nicht gesehen - aus Angst vor dem Gefängnis. Dabei war er doch ein waschechter Schanzer, vor Jahrzehnten sogar mal Fußball-Profi beim MTV und ESV. Seine Eltern leben noch immer in der Stadt.
1990 hatte es ihn nach Mexiko verschlagen, an die Touristenstrände. Dort ist er ein paar Jahre später dem Kokain verfallen. Erst der Droge, dann dem Dealen. Fünf Fälle des Handels mit einigen Kilos wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, einmal hatte er die Ware auch nach Europa gebracht. Das alles liegt 15 Jahre und länger zurück. Seitdem führt der Mann ein solides Leben in Mexiko, ist seit 1995 verheiratet, war Touristenführer bei Dschungeltouren, hat Postkarten vertrieben, Fahrräder verliehen, Straßen und Häuser gebaut und ist jetzt Immobilienmakler. Die Drogengeschäfte, das sagt auch Oberstaatsanwalt Günter Mayerhöfer "waren eine Episode in seinem Leben".
Irgendwann muss der Tag gekommen sein, als er sich entschlossen hat: Ich will ein reines Gewissen haben. Er wollte wieder ohne Angst heimfliegen können nach Deutschland, seine Eltern sehen. Seine Mutter war am Donnerstag auch bei der Verhandlung dabei.
Der Mann saß bereits in Mexiko im Gefängnis
Der heute 46-Jährige war eigentlich schon mal geschnappt worden, 1998 in Mexiko. Er kam ins Gefängnis, 440 Tage lang. Acht bis 15 Mann lagen dort in einer Zelle, erinnerte er sich gestern, es gab vier Betten, Erpressung war an der Tagesordnung. Die Verpflegung, "ungenießbar", sagt der Ingolstädter. Zwei Eimer dienten als Toilette, fließend Wasser gab es nicht. Nach einem Hausarrest galt er schließlich in Mexiko seit Anfang 2000 als freier Mann. Nicht aber in Deutschland.
Bereits im Vorfeld der Hauptverhandlung hatten sich alle Beteiligten über das Strafmaß unterhalten. Heraus kamen sechs Jahre. Doch im Gefängnis wird der 46-Jährige davon keinen einzigen Tag verbringen müssen: Da er strafrechtlich ein unbeschriebenes Blatt ist, wurden die beiden letzten Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Und die vier Jahre tatsächliche Haftzeit waren bereits am 25. August zu Ende. Dabei wurde die U-Haft in Deutschland ebenso angerechnet wie die Haft in Mexiko. Wegen der besonderen Härte in den dortigen Gefängnissen zählt jeder Tag dort dreifach.
So schickte Paul Weingartner den Mann vom Gefängnis direkt in die Freiheit. Die will er jetzt noch vier Wochen lang in Deutschland genießen, ehe er wieder nach Mexiko fliegt. Besonders freut er sich auf einen Besuch am Oktoberfest: "Ich war ja 20 Jahre nicht dort." Luzia Riedhammer
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