Sinning hat einen neuen Maibaum und eine schöne Dorfmitte. Von Stefan Küpper

Der Duft von Flieder wehte herunter, der Himmel war blau, eine Blasmusik spielte, es gab Weißbier und Fleisch mit Knödel, mitten auf dem Dorfplatz voller Menschen ragte der 32 Meter hohe Maibaum in den weiß-blauen Himmel und der Herr Pfarrer sprach vom Paradiese: „Und Gott, der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele. Und Gott, der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Morgen und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.“
Danach passierte die Sache mit der Schlange und dem Apfel und seither muss der Mensch sich selbst um paradiesähnliche Zustände kümmern. Und, weil der Herrgott Jahrtausende später an der Sache mit dem verlorenen Paradies noch nichts geändert hat, und Adams Erben in alle Welt verstreut sind, n ahmen ein paar davon, die Sinninger, über 600 000 Euro in die Hand und begannen vor gut zwei Jahren selbst für paradiesische Schönheit in ihrem Dorf zu sorgen. Sie renovierten die ganze Mitte, sanierten die alte Schlosswirtschaft, verlegten Straßen und Straßenmündungen neu. Dann bestellten sie den Duft von Flieder, den weiß-blauen Himmel, das Weißbier, das Fleisch und die Knödel und begannen am 1. Mai um 8.45 Uhr einen neuen Maibaum auf dem neuen Platz aufzustellen. 35 Sinninger brauchte es, damit die Fichte um 10.15 Uhr gerade in den Himmel ragte und der 1. Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr, Josef Reichherzer, zum Gesamtwerk nur noch „wunderbar“ sagen konnte.
Niemand wollte ihm widersprechen. Oberhausens Bürgermeister Fridolin Gößl nicht, der allen an der neuen Schönheit Beteiligten dankte, Gottfried Hübl vom Amt für Ländliche Entwicklung nicht, denn die Dorfmitte sei ja nicht nur schöner, auch sei durch das Projekt ein „neuer Gemeinschaftsgeist“ entstanden. Und die Sinninger auf den Bierbänken widersprachen in ihrer Mehrzahl auch nicht. Und als der evangelische Pfarrer Jürgen Bogenreuther seine Ausführungen mit den Worten begann, dass Sinning möglicherweise der schönste Ort der Welt sei, widersprach erst recht niemand, sondern der Herr Pfarrer bekam heftigen Applaus. Dass es Sinninger gegeben haben soll, die vielleicht etwas weniger Geld in die Hand genommen hätten, für die neue Mitte, dass es kontroverse Diskussionen gegeben hatte, das übertönte dieser Applaus. Und dann spielte wieder die Blasmusik und der Himmel blieb blau. Und der Mensch war wieder ein bisschen näher am Garten Eden.
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