Mittwoch, 23. August 2017

03. Dezember 2016 12:00 Uhr

Neuburg

Gebrauchte Bücher finanzieren Literaturpreis

Mit seinem Bücherbasar sammelt der Lions Club Neuburg Geld für die Ernst-Toller-Gesellschaft. In 20 Jahren kamen damit rund 50000 Euro zusammen.

i

Er kennt viele lustige Begebenheiten rund um den Bücherbasar des Neuburger Lions Clubs. Zum Beispiel die von der Frau, die in ihrer neuen Wohnung zwar Möbel, aber keine Bücher hatte. „Die hat dann 20 Bücher mitgenommen, damit es wohnlicher ausschaut, wie sie sagte“, schmunzelt Walter Friemel. Der ehemalige Kulturreferent im Stadtrat kümmert sich seit sechs Jahren intensiv um den Bestand der Bücher. An diesem und nächsten Wochenende, also parallel zum Christkindlmarkt, ist der Basar im ersten Stock der ehemaligen Amalienschule wieder geöffnet.

Am Eingang zum Bücherbasar stehen ein Tisch und zwei Stühle. Auf dem Tisch steht eine Geldkassette, über die ein Mitglied des Lions Clubs wacht. Wenn sein Kollege nicht gerade in einem der drei Räume vor einem der Bücherregale steht, um sich nach Neuigkeiten umzusehen, sitzt er neben ihm, um in einem Heft festzuhalten, wie viel jeder Kunde bezahlt hat. Dienst schieben die Lions während der Öffnungszeiten immer zu zweit. Die Pärchen wechseln jeweils nach zwei Stunden.

ANZEIGE

Der Bücherbasar findet heuer zum 20. Mal statt. „Dahinter stand die Idee, dass gelesene und dann gespendete Bücher den Grundstock für einen Literaturpreis bilden könnten“, erklärt Dieter Distl, der ehemalige Kulturamtsleiter bei der Stadt Neuburg. Im Mai 1996 hatten gerade zwei Dutzend Neuburger Männer den örtlichen Ableger des Internationalen Lions Club gegründet. Sie suchten nun nach Ideen für Aktivitäten, mit denen Geld eingenommen werden könnte, um die Vereinsziele zu erreichen. Darunter fallen die Unterstützung für soziale, aber auch kulturelle Zwecke. Eine Idee war ein Bücherbasar. „Im Grunde nichts Neues. Neu aber war, dass mit dem eingenommenen Geld ein Literaturpreis finanziell ausgestattet werden sollte“, verdeutlicht Distl. Der Preis wurde nach dem Schriftsteller Ernst Toller benannt, der am 1. Dezember 1893 geboren worden war und sich am 22. Mai 1939 im New Yorker Exil erhängt hatte. Seine bedeutendsten Werke sind während seiner fünfjährigen Haftzeit, die er für seine Beteiligung an der Bayerischen Räterepublik zu verbüßen hatte, in den Haftanstalten Eichstätt und Neuburg, aber vor allem in Niederschönenfeld entstanden. Als politischer Redner und Autor war Toller der international am meisten geachtete deutsche Dichter der ersten Hälfte der Zwanzigerjahre. „Deshalb wird der einzige Literatur-Preis eines deutschen Lions Clubs auch für herausragende Leistungen im Grenzbereich von Literatur und Politik verliehen“, erklärt Distl, der auch 1. Vorsitzender der Ernst-Toller-Gesellschaft ist.

Heuer wurde der Preis zum 9. Mal verliehen. Bekommen hat ihn der gebürtige Neuburger Roman Ehrlich. Der erste Preisträger war 1997 Albert Ostermaier, damals 30, vor wenigen Tagen 49 Jahre alt geworden und einer der wichtigsten Autoren deutscher Sprache. Ähnlich entwickelte sich die Karriere der Preisträgerin Juli Zeh (2003). Der im vergangenen Jahr verstorbene Nobelpreisträger Günter Grass hingegen hatte literarisch schon alles erreicht, als ihm 2007 der Ernst-Toller-Preis verliehen wurde.

„Am Anfang war der Bücherbasar sozusagen als eine Art Wanderzirkus organisiert“, erzählt Distl. Fast jedes Jahr wechselte er den Standort. Was jeweils mit einem riesigen Aufwand verbunden war: Bücher einräumen, nach den zwei Wochenenden Christkindlmarkt dann die nicht verkauften Bücher wieder ausräumen und einlagern – eine Knochenarbeit. 2006 stand der Basar deshalb auf der Kippe.

Eingestellt werden sollte er allerdings nicht. Walter Friemel fand einige Mitstreiter aus dem Neuburger Lions Club, um den Wohltätigkeitsbasar fortzuführen. „Ab dem Zeitpunkt gab es keine Versteigerungen von Bildern, Druckgrafiken oder Skulpturen mehr, sondern es ging nur noch um den Verkauf gebrauchter Bücher“, erzählt Friemel. Durch das Entgegenkommen der Stadt fand der Lions Club mit seinem Basar in den Räumen der ehemaligen Amalienschule eine dauerhafte Unterkunft. Mit dem Einzug der Kinderkrippe zog man dann hausintern einen Stock höher. In die Räume, wo sich auch Künstler umziehen, wenn sie einen Auftritt im zwei Etagen darüber liegenden Kongregationssaal haben.

Um die Bücher professioneller als zuvor präsentieren zu können, brauchte es ordentliche Regale. Man erinnerte sich uralter Exemplare aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, die im Bauhof gelagert waren, und fand tatsächlich auch noch einen, der wusste, wie man sie aufstellt. Die darüber hinaus notwendigen Bücherregale stiftete zum Großteil Lionsfreund Max Kempfle.

„Am Anfang haben wir alle Bücher, so wie sie kamen, reingestellt, um die Regale vollzubekommen“, erinnert sich Friemel, der sich seit 2010 vor allem mit den Lionsfreunden Günter Renner, Dr. Eduard Mayer und Walter Irber intensiv um den Bestand kümmert. Mittlerweile aber wird regelmäßig aussortiert. Die meisten der Bücher aus zweiter Hand sind zwar in Ordnung, teilweise sogar noch in Folie verpackt und noch nie gelesen worden. „Es gibt aber auch einige, die sind von Schimmel befallen oder ganz einfach sehr zerlesen. Die werden schleunigst entsorgt“, erzählt Friemel.

Rund 7000 Romane, Geschichts- und Religionsbücher, Erzählungen, Fach- und Reiseliteratur, Bücher über Kunst, Musik oder Medizin, Kinderbücher und viele Bücher weiterer Literatursparten sind in den Regalen aufgereiht. Darunter auch ganz alte Werke. Wie drei Kochbücher aus dem Jahr 1893 oder zwei medizinische Bücher aus dem Jahr 1875. Eines befasst sich mit der Gynäkologie, das andere mit Tiermedizin.

Aufgefüllt wird der Bestand mit Lieferungen, die das ganze Jahr über kommen. „Die Leute rufen bei mir oder anderen Lionsfreunden an. Dann machen wir einen Termin aus. Bei älteren Menschen hole ich die Bücher sogar ab“, sagt Friemel. Der Umfang der Lieferungen schwankt dabei enorm und reicht von einer gefüllten Bananenkiste bis zu 30 Umzugskartons voller Bücher. „Solche Mengen kommen bei Haus- oder Wohnungsauflösungen zusammen“, weiß Friemel.

Während der „Langen Nacht der Museen“, der Kulturnacht „WortKlangBild“ sowie den zwei Wochenenden im Rahmen des Christkindlmarktes werden um die 1000 Bücher verkauft. Wie teuer ein Buch ist, legt der Mann vor der Geldkassette am Tisch beim Eingang fest. Wie in einem Basar üblich, darf gerne auch gehandelt werden. In all den Jahren sind auf diese Weise mittlerweile rund 50000 Euro zusammengekommen, die der Finanzierung des Ernst-Toller-Preises dienen. Der ist mit jeweils 5000 Euro dotiert. Nur der erste Preisträger musste sich noch mit 2500 D-Mark Preisgeld zufriedengeben.

Gestern Abend wurde der Bücherbasar mit dem Christkindlmarkt wieder eröffnet. Walter Friemel freute sich dabei schon auf den ersten Kunden. Das ist seit vielen Jahren ein Mann aus Ingolstadt. Sein Bedarf pendelt zwischen 60 und 100 Büchern, die er dann im Rollwagen zum Lift und dann nach unten fährt.

Über Leute wie ihn freuen sich die Lions. Und schmunzeln tun sie über die, die sich heuer Bücher kaufen, um sie nächstes Jahr als Spende wieder zurückzubringen.

i

Ihr Wetter in Neuburg
23.08.1723.08.1724.08.1725.08.17
Wetter Unwetter
                                                Wetter
                                                wolkig
	                                            Wetter
	                                            wolkig
                                                Wetter
                                                wolkig
Unwetter13 C | 25 C
14 C | 27 C
15 C | 29 C
Das Wetter aus Ihrer Region
Nachrichten in Ihrer Region
Augsburger Allgemeine Aichacher Nachrichten Augsburger Allgemeine Donau Zeitung Donauwörther Zeitung Friedberger Allgemeine Günzburger Zeitung Illertisser Zeitung Landsberger Tagblatt Mindelheimer Zeitung Mittewlschwäbische Nachrichten Neu-Ulmer Zeitung Neuburger Rundschau Rieser Nachrichten Schwabmünchner Allgemeine Wertinger Zeitung
Top-Angebote

Ein Artikel von
Manfred Rinke

Neuburger Rundschau
Ressort: Lokalnachrichten Neuburg

Alle Infos zum Messenger-Dienst
Alles rund um die Basketballer

Bauen + Wohnen

Unternehmen aus der Region

Kennen Sie den TSV Neuburg?

Partnersuche