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04. Oktober 2010 05:46 Uhr

Leidenschaft und Brillanz

Neuburg Ist Barockmusik für das heutige Zeitempfinden etwas Erhabenes, Edles, Unantastbares ... - und zumindest für junge Leute eher unattraktiv? Keineswegs! Alte Musik ist beliebt und gefragt und führt an manchen Orten zu einem wahren Boom. Gerade die barocken Meister waren auf ihre Art vielfach radikal, revolutionär, modern und brachten in ihren Tonschöpfungen ihre ganze Leidenschaft, Sinnlichkeit und Dramatik zum Ausdruck. Dies mag in besonderer Weise auch für Wilhelm Friedemann Bach, dem ältesten und wohl begabtesten Sohn von Johann Sebastian Bach, gelten. Teile seiner anspruchsvollen Tonschöpfungen wurden im Rahmen der Neuburger Barockkonzerte, aus Anlass seines 300. Geburtstages, brillant, vielseitig und herausragend von der Akademie für Alte Musik Berlin (AKAMUS) dargeboten. Von Johannes seifert

Brillant im musikalischen Vortrag: Solistin Antje Schurrock konzertierte mit der Akademie für Alte Musik Berlin im Rahmen der 63. Neuburger Barockkonzerte. Foto: Reinhold Weinretter
Foto: Reinhold Weinretter

Zwei Neuerfindungen der Barockzeit, die oft als kümmerlicher Abkömmling der edlen Renaissance gesehen wurde, treten dabei in den Vordergrund: Einerseits der Generalbass, als Basis für Harmonie und Rhythmus und zum anderen das Konzert, in dem sich in erster Linie Violinen und Cembalo gegenüberstehen.

In diesem Spannungsfeld überzeugt das Ensemble AKAMUS, unter der Leitung von Stephan Mai, das sich ohne Zweifel zu den besten deutschen Kammerensembles zählen darf. Mit Rasanz in den Affekten, geprägt durch präzises Zusammenspiel, gekonnt gestufter Dynamik, voller Esprit und Eleganz, erfüllte die Sinfonie in F- Dur, von Willi Bach, den glänzend ausgeschmückten Kongregationssaal.

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Die vier Sätze dieser Sinfonie, die sich an Formen der französische Ouvertüre anlehnen, sind von erhebender Klangfülle. AKAMUS setzte mit dieser Intonation bereits zu Beginn des Konzertes durch das flexible und klangschöne Spiel Maßstäbe. Geprägt von tiefer, sensibler Harmonik und stilistischer Vielfalt sind das "Adagio" von Mozart und die "Fuge in f- moll" von Willhelm Friedemann Bach. Wie sein Vater so gilt der Filius ebenso als Meister der hohen Kunst der Fuge und des Instrumentalkonzertes. In diesem Werk finden sich einzelne Anknüpfungspunkte beider Komponisten - vor allem in der Melodik und dem Streben nach Form und Vollendung - durch AKAMUS galant und mit atemberaubender Technik interpretiert.

Die im Verlauf des Abends intonierte Sinfonie in D-Dur von Michael Haydn, großartig getragen von den effektvoll wirkenden Bläsersätzen, unterstrich ebenso das hohe Niveau des international gefeierten Berliner Ensembles.

Wie sehr sich der Kongregationssaal in Sachen Akustik auch für Solo-Konzerte eignet, wurde im zweiten Konzertteil offenbar. Die Flötenkonzerte von Wilhelm Bach, vorwiegend konservativ gehalten, zeigen die Vielfalt damaliger Polyphonie und orientieren sich am spätbarocken Wechsel von Solo und Tutti. Die beiden glänzenden Solisten Antje Schurrock und Christoph Huntgeburth erfreuten das Publikum in den Solopassagen und glänzten auf ihren Traversflöten durch eine in sich ausgefeilte Tonkunst, die das Orchester treffend unterstützte. Wilhelm Friedemann Bach galt als bester deutscher Orgelvirtuose seiner Zeit. Die für Hammerklavier komponierten Werke, Fantasien in d- und e-moll sowie seine Polonaise in e-moll, konnte Raphael Alpermann (Cembalo) höchst virtuos, vital, mit expressiver Kraft und großer assoziativer Plastizität darbieten.

Die Neuburger Barockkonzerte beeindrucken und bewegen sich auf höchstem musikalischem Niveau. Dies machte dieser imponierende Konzertabend durch die glänzend agierende "Akademie für Alte Musik Berlin" besonders deutlich.

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