Donnerstag, 21. September 2017

01. Juli 2011 00:13 Uhr

Landgericht Augsburg

Prozess um Windkraftanlage in Ammerfeld: Wie lästig darf ein Windrad sein?

Während der Bundestag in Berlin den Atomausstieg bis 2022 beschlossen hat, waren sich zur selben Zeit im Landgericht Augsburg die Parteien alles andere als einig.

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Während gestern der Bundestag in Berlin mit überragender Mehrheit den Atomausstieg bis 2022 beschlossen hat, waren sich zur selben Zeit im Sitzungssaal 281 des Landgerichts Augsburg die Parteien alles andere als einig. Denn die Frage, ob das Windrad zwischen Ammerfeld, Kienberg und Burgmannshofen nun tatsächlich zu laut ist, konnte gestern auch nach vierstündiger Verhandlung nicht geklärt werden.

Dabei stellt sich zumindest für das Klägerehepaar aus Burgmannshofen diese Frage gar nicht. Seitdem das Windrad seine Kreise dreht, beschweren sich nicht nur sie, sondern viele andere Anwohner über einen schlafraubenden Lärm. Beinahe ein Dutzend von ihnen saß gestern auch in der Verhandlung. Besonders belastend sei die Tonhaltigkeit des Geräuschs, das das Ehepaar nach den Worten ihres Verteidigers Armin Brauns als „laut tropfenden Wasserhahn“ beschreibt. Ihre Wut richtete sich – wie die Leute in den umliegenden Dörfern immer wieder betonen – nicht per se gegen das Windrad. Sie fordern vielmehr, dass die Geräuschkulisse innerhalb der zulässigen Grenzen bleibt und gleichzeitig das eintönige Klopfen aufhört.

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Grenzwert wird um 0,8 db(A) überschritten

Dass sie mit ihren Empfindungen nicht falsch liegen, bestätigte ihnen ein vom Landgericht Augsburg beauftragter Gutachter. Sachverständiger Ulrich Möhler zeichnete zwei Monate lang auf dem Grundstück des Klägerpaars die Geräuschkulisse Tag und Nacht auf. Wie er während der Verhandlung erklärte, sortierte er aus dem umfangreichen Datenmaterial jene Momente heraus, an denen Wind, Verkehr oder Blätterrascheln nicht lauter waren als das Rotorengeräusch selbst. Am Ende kam er zu dem Ergebnis: Im Durchschnitt verursacht das Windrad 45,8 db(A) – und ist damit nachts 0,8 db(A) lauter als erlaubt.

Das wollte die gegnerische Partei so ohne Weiteres nicht hinnehmen. Akribisch musste Gutachter Möhler seine Messmethodik erklären und mitunter rechtfertigen. Denn ein von Betreiber Herbert Kugler privat engagierter Sachverständiger hinterfragte immer wieder das fachliche Vorgehen seines Augsburger Kollegen.

Aufschlag wegen Impulshaltigkeit

Vor allem die Frage nach der Impulshaltigkeit scheint der Dreh- und Angelpunkt des Messergebnisses zu sein. Denn welche Geräusche als impuls- oder tonhaltig interpretiert werden, liegt allein im Ermessen des Gutachters. So empfand Möhler bei einem Vorort-Besuch den Windradschall subjektiv als „lästig, vergleichbar mit einem impulshaltigen Geräusch“, und bewertete die zusätzliche Belastung nach einer mathematischen Formel mit einem Aufschlag von 3 db(A) – wodurch letztlich auch der Grenzwert überschritten wurde. Reinhard Wunderlich hingegen, der vom Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen mit der Abnahmemessung beauftragt wurde, kam bei seinen Besuchen in Ammerfeld und Burgmannshofen zu dem Urteil: Es liegt keine Impulshaltigkeit vor.

Ob das Windrad nun zu laut ist oder nicht und ob die Rotoren ein nervtötendes Schlagen verursachen oder nicht, muss nun Richter Josef Jung bis zum 4. August beurteilen. Parallel dazu erhält ein zweiter Richter die Verhandlungsprotokolle, denn neben dem Ehepaar klagt auch eine weitere Burgmannshofenerin auf Unterlassung. Ihr Fall wird – obwohl es um dieselbe Sache geht – separat geprüft. Das Ergebnis wird den Parteien dann schriftlich zugestellt – sofern Herbert Kuglers Verteidiger oder auch der Richter selbst kein zweites Gutachten fordern. In jedem Fall wird der Richter in seinem stillen Kämmerlein ein Urteil fällen – 65 Kilometer von den gleichmäßigen Umdrehungen des Windrads entfernt.

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Ein Artikel von
Claudia Stegmann

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